AUSZUG: GESCHICHTE DER KURDISCHEN NATIONALFAHNE

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„Ala kurdan, ji jor ber bi jêr ve, ser hev, sor, sipî û kesk e, di nava wê de roj diçirise.“ 

Der 17.12 eines Jahres bildet den offiziellen Tag der kurdischen Nationalfahne („Roja Alê“). Dieser Tag kann als Nationalfeiertag der Kurden weltweit angesehen werden, an dem sie ihr Nationalsymbol feiern.

Die kurdische Nationalfahne ist das einzige kurdische Symbol, mit dem die Kurden aus allen Teilen Kurdistans sich identifizieren und somit anerkennen. Es ist unbestritten, dass die kurdische Nationalfahne, wie wir sie heute kennen (von oben nach unten: rot, weiß, grün und eine Sonne in der Mitte) ihre Legitimation aus der modernen kurdischen Nationalgeschichte des 20. Jahrhunderts bezieht. Es ist zum Symbol der Identität des kurdischen Volkes geworden und damit auch gleichzeitig als Symbol des Widerstands gegen die Besatzerstaaten (Iran, Syrien, Türkei, Irak), die den Kurden ihre Kultur und Sprache berauben wollen, um somit letztendlich ihre Identität und Existenz zu zerstören. International wird das kurdische Volk, nicht zuletzt wegen der Autonomen Region Kurdistan (KRG), damit repräsentiert. Es reiht sich als Symbol in die Reihe der Nationalfahnen der Völker dieser Erde.

Doch wie kam es nun zum „Roja Alê“, also dem Tag der kurdischen Nationalfahne am 17.12 eines Jahres?

Am 11.12.1999 beschloss das kurdische Parlament der Autonomen Region Kurdistan (KRG, Südkurdistan) im Nordirak den 17.12 eines Jahres zum Tag der Kurdischen Nationalfahne. Sowohl die Entscheidung selbst als auch deren Bewegungsgründe sind in der kurdischen Nationalgeschichte tief verankert. Der Tag ist somit nicht willkürlich ausgewählt.

Am 22.01.1946 wurde im kurdischen Siedlungsgebiet im Iran (Ostkurdistan) die Republik Kurdistan („Republik Mahabad“) ausgerufen. Qazi Mohammad wurde zum Präsidenten dieser kurzlebigen kurdischen Republik. An diesem Tag wurde die kurdische Nationalfahne gehisst und die Kurden feierten ihre erste Republik in einer volkstümlichen Feier in kurdischer Tracht. Diese Republik war klein und in keiner Weise vergleichbar mit einem modernen Staat westlicher Prägung heute. Damit legten die Kurden nur das Fundament, aus der sich im Laufe der Zeit ein organisierter, zentraler und stabiler Staat entwickeln sollte. Wie so oft in der kurdischen Nationalgesichte, war auch diese Freude und Hoffnung des kurdischen Volkes nur von kurzer Dauer. Die Zeichen standen von Anfang schlecht. Am 15.12.1946 marschierten iranische Truppen in Mahabad ein. Diese übernahmen am 17.12.1946 die komplette Kontrolle über die Stadt, womit das Ende der Republik Kurdistan besiegelt wurde. Am nächsten Tag wurden der kurdische Präsident Qazi Mohammad, sein Bruder Seif Qazi und viele andere Kurden verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Später erfolgte auch die Verhaftung von Sadr Qazi. Am 31.03.1947 wurden alle drei auf dem Car Cira Platz (Vier Lampen Platz) in Mahabad, wo auch zu vor die Republik Kurdistan ausgerufen wurde, gehängt.

Als direkte Antwort auf die gestellte Frage oben, kann also gesagt werden, dass der 17.12 als Erinnerungstag an den ersten kurdischen Staat (im modernen Sinn), die Republik Kurdistan, gewidmet ist. Es war der erste Staat, wo die kurdische Nationalfahne auf legaler Art offiziell anerkannt und gehisst wurde. Es ist ein Akt gegen das Vergessen und der Würdigung eines beachtlichen und wichtigen Teil der modernen kurdischen Nationalgeschichte.

Die Anfänge der kurdischen Nationalfahne, wie wir sie heute kennen und momentan von der KRG offiziell anerkannt und verwendet wird, gehen jedoch noch weiter zurück und liegen somit in der kurdischen Historie weit vor der Gründung der Republik Kurdistan („Republik Mahabad“).

Zu Beginn des Jahres 1919 wurde auf einer Sitzung der Komela Tealî Kurdistan („Gesellschaft für den Aufstieg Kurdistans“) in Istanbul beschlossen, das kurdische Siedlungsgebiet von den türkischen und fremden Truppen zu befreien und die Unabhängigkeit Kurdistans auszurufen.

Zudem wurden auf dieser Sitzung von Mîr Emîn Alî Bedirxan und seinen Freunden die Farben für die kurdische Fahne ausgewählt und dann die kurdische Nationalfahne gemacht. Diese Fahne sah fast genauso aus wie die heutige.

Die Komela Tealî Kurdistan wurde 1921 von den Türken verboten. Einige ihre Mitglieder waren auch bei der Gründung der später erfolgten kurdischen Organisation Xoybûn – Ciwata Serxwebuna Kurd („Organisation für die kurdische Unabhängigkeit“) am 05.10.1927 beteiligt. Die von Komela Tealî Kurdistan festgelegte kurdische Nationalfahne wurde von den beiden Vorsitzenden und Brüder, Celadet Ali Bedirxan und Kamuran Bedirxan, übernommen.

So wurde die kurdische Nationalfahne zum ersten Mal in der Geschichte von General Ihsan Nuri Pascha und seinen Gefährten von Xoybûn offiziell beim dritten Ararat-Aufstand von 1929-1930 gehisst. Zum zweiten Mal, wie erwähnt, wurde sie in der Republik Kurdistan („Republik Mahabad“) von 1946 offiziell und legal gehisst. Sie ist zum kurdischen National- und Widerstandssymbol Kurdistans geworden und wird daher zu Recht von der KRG (Südkurdistan) als kurdische Nationalfahne verwendet.

Die kurdische Nationalfahne ist überwiegend gleich geblieben. Auf der Titelseite der kurdischen Zeitschrift Hawar sieht man jedoch, dass die Sonne auf der damaligen kurdischen Fahne nur 18 Strahlen hatte, was heute nur minimal abweicht. Zur Zeiten der Republik Kurdistan im Jahre 1946 war die kurdische Nationalfahne auch kaum verändert. Nur die Sonne sah bisschen anders aus und ihr wurden sozialistische Elemente hinzugefügt, aufgrund der starken Präsens und Bedeutung der Sowjetunion für die damalige kurdische Republik.

Es bleibt also nun festzuhalten, dass sich die kurdische Nationalfahne im Laufe der Zeit nur geringfügig geändert hat bzw. ändern musste und heute genauso aussieht wie zu Beginn der 20er im 20. Jahrhundert. Es ist daher ein klares Produkt der kurdischen Nationalisten und Patrioten, um die Identität der Kurden zu retten und Kurdistan von Besatzung, Unterdrückung und Vernichtung zu befreien und somit im letzten Schritt in die Unabhängigkeit zu führen und den Traum eines eigenen Staates im Zeitalter der Nationalstaaten zu verwirklichen.

Hier folgen nun einige wichtige und interessante Zitate und Gedichte von kurdischen Intellektuellen in der Geschichte im Zusammenhang mit der kurdischen Nationalfahne.

In der kurdischen Zeitschrift Hawar (1932) finden sich einige Artikel über die kurdische Nationalfahne:

So schrieb Celadet Ali Bedirxan mehrmals über das kurdische Nationalsymbol:

“Her milet xweyiyê aleqê ye. Al nîşana milet û welat e. Tevayiya heyîna miletan di ala wan de civiyaye. Al namûs, rûmet û bextê miletan e. Zarowên her miletî ji bona bilindî û bikedrbûna ala xwe, beperwa xwe didin qûştin. Ala her miletî jê re beha ye. Di cejn û şahînetan de kesr, xanî û qûçayan pê dixemilînin, di ber wêre diborn, slavan lê diqin, di rêveçûna leşqerî de diveqin pêşiyê. Lê alên miletên dîl, weq ya miletê me, ji her der biderqirî, lihevtewandî li ser dilên zarowên wan de hilandî ne. Miletên dîl dixebitin xwîneên xwe dirijênin qo biyaniyan ji welatên xwe bikewirinin û alên xwe li ser qalat û bajarên xwe ji nû ve daçiqînin. Ala her miletî bi çend rengan û bi şiqleqî din e. Ala kurdan, ji jor ber bi jêr ve, ser hev, sor, sipî û qesq e, di nava wê de roj diçirise.”

In einer Lobschrift über den Tod von Şêx Evdirrehmanê Garisî erwähnt er:

„[…] Belê Şêxê min, min ji te re kefenekî welê bijart ko hêj tu kelaş pê nehatîye pêçandin, min ji te re tirbeke welê koland ko hîn tu mirî ne ketin ê.

Min kefenê te kir: Sor, sipî û kesk û zer, ala te, û min tu veşartî nav rûpelên Hawarê û li serê wê kêla te daçikand.

Kefenê te kefenek welê ye, rûjkê bêt, ji te vebit li ser qelat û bajarên te re li pêl bibit.

Tirba te tirbeke welê ye ko ne kêla wê bi birûskên ezmanî dişike, ne cax û dîwarên wî bi ba û bagerê hildiweşe, ne axa wê bi baran û lehîyê qul dibe û ji hev dikeve.

Tirba te kitêbek e, ko nifşên milletê me deste-desta bikin û her nifş ji nifşê din re heta paşîyê, hinda rûja qiyametê, ji hevdû re dê bispêrin.

Ev tirba te a abadîn e. Min eva ha ji bona te bijart û koland […]“

Hier der erste Teil seines Gedichtes mit dem Titel – Alê Kurdan –

„Ala Kurdan di nav rok
Çi bedew û bi heybet
Bi çar reng î, rengên te
Çi delal û çi xweşkok
Xêzek kesk û xêzek sor
Nav sipî û nîvek zer
Keskesor e, bi roj e
Ev li jêr û ew li jor […]”

Auch Dr. Kamûran Alî Bedirxan schrieb über die kurdische Nationalfahne in seinem Gedicht – Ala Kurdan -, das wie folgt beginnt:

„Ronahiya dil û çav,
Diyarîya dê û bav
Pêsîra wê roj û tav
Spehitiya ax û av
Ala Kurdan ser be ser
Sor û gewr e kesk û zer.

[…]”

1941 schrieb Nûredîn Ûsif (Nûreddîn Zaza) für Hawar eine Erzählung (Märchen) mit dem Namen „Keskesor“. Mahmud Lewendî notiert dazu:

„Di çîroka xwe de behsa dewra Şêx Seîdê Pîran dike û qala dibistana xwe dike, paşê ku kurd bi ser dikevin û alaya tirkan ji stûnê dadixînin û alaya kurdan hildidin jor, ew jî li gel bavê xwe li ber derîyê serayê ye û paşê çîrok weha dom dike:

„[…] Xelk li dora serayê kom dibûn. Em zaro jî çûn; ew tiştê rengîn di ser serê me re sekinî bû. Lê ew ne keskesora ezmên bû. Ez bêsebir bûm… li bavê xwe geriyam. Leşker rêz girtibûn, sitranek digotin, çavên wan ên tûj têrken bûn. Min ew li ser hespê dît, ez çûm cem; wî ez danîm ber xwe. Min jê pirsî:

– Bavo ev çi keskesor e li ser serayê?

– Ev ala me ye kurê min! Ev şan û şerefa milletê Kurd e!

– Berê yeke sor hebû, ew çi bû bavo?

– Ew ya neyaran bû. Neyar bi zor ketibûn welatê me. Em Kurd îro wan ji erdê xwe derdixînin û dibin xwediyê wî. Ha ji te re aleke piçûk! Wê deyne ser dilê xwe! Heji wê bike û ji bo serfirazîya wê bixebite.

Ez bi gotinên bavê xwe bûbûm sermest. Dilê min hildiavêt. Bavê min ez maç kirim û ez danîm erdê […]“

Pişt re li gor çîrokê, kurd ji ber hin sebebên eşîrtî, neliserhevbûnê, serketina wan pir dom nake. Dijmin dîsa dikeve welatê wan ala kurdan ji stûnê (dîregê) datînin û çîrok weha dom dike:

„[…] Ala rengîn, şan û rûmeta me, çirandin avêtin ber lingên xwe, pêlê kirin û li şûna wê ya xwe, ya xwînxwaran danîn […]“

1936 veröffentlichte Osman Sebrî, ein kurdischer Dichter und Politiker, neben einigen anderen, das das folgende Gedicht mit dem Titel – Ala Rengîn –

“Min divê her tu bilind bî
Ala rengîn kesk û zer.
Him xweşî him ceng û rûmet
Tên zanîn ji sor û gewr
Dûr, nêzîk ezê te hildim.
Tu yî xemla banê min.
Ger bi vê derman mirin bî
Bo te gorî canê min!
Sê salan bi te kêfxweş bûm,
Agrî, Zîlan, Tendûrek,
Li pêş suhna te bûne ax.
Leşkerên Turk lek bi lek
Dêrsim û Sasûn û Pijder
Bo te xwînê dirêjin.
Herçî xort in, herçî Kurd in
Bo te lavjan dibêjin,
Leşker im bote ala min.
Min divê gurmîn û ser
Duwanzde mîlyon bûne pandî,
Bo te Kurdên pir huner.“

Musa Anter, ein kurdischer Schriftsteller und Intellektueller, schrieb in seinen 1991 veröffentlichten Memoiren:

„Auf dem Großen Basar in Istanbul kaufte ich breite Stoffbänder von je einem Meter Länge in vier verschiedenen Farben. Bekannt ist diese Fahne auch noch heute: weiß, rot, grün und inmitten des Weißen eine gelbe Sonne.“

Am Ende müssen hier die Kritiker der kurdischen Nationalfahne genannt werden, die sogar soweit gehen, dass sie die Geschichte der kurdischen Nationalfahne leugnen. Sie vergessen dabei, dass die Geschichte der hier beschriebenen kurdischen Nationalfahne mit dem Blut 100 000nder kurdischer Märtyrer und Patrioten geschrieben wurde, die sich letztendlich für die Existenz, Freiheit und Gleichberechtigung des kurdischen Volkes in einem eigenen kurdischen Nationalstaat mit dem Namen Kurdistan eingesetzt und gekämpft haben. Meistens sind diese Kritiker radikale Parteiideologen oder starke Opportunisten, die eigene egoistische Interessen verfolgen und daher sich nicht Schade sind sogar das eigene Volkssymbol zu bekämpfen und zu leugnen.

Die kurdische Nationalfahne wird sicherlich als Nationalsymbol zur Einheit des kurdischen Volkes beitragen. Zudem wird sie weiterhin als Widerstandssymbol gegen die Unterdrückung und Entrechtung des kurdischen Volkes durch die oben erwähnten Besatzerstaaten dienen. Die Geschichte der kurdischen Nationalfahne spiegelt letztendlich auch die historische und gegenwärtig erstarkte Forderung der Kurden nach Wiedervereinigung der kurdischen Gebiete und somit die Gründung eines eigenen Staates, in der die kurdische Sprache und Kultur sich frei entfalten und entwickeln können.

Autor: Aram Ahmad, 17.12.14 

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