Das Massaker von Roboski vor 5 Jahren

von Cihan Quwatan*

Eine weitere Kolumne von Ahmet Altan, dass im Original mit „Kürtlerden ne istiyorsunuz?“ (dt. „Was wollt ihr von den Kurden?“) betitelt wurde und am 3. Januar 2012 erschienen ist. Der Inhalt der Kolumne beschäftigt sich mit dem Roboski-Massaker vom 28. Dezember 2011, dass sich heute zum fünften Mal jährt und deren nachweisliche Verantwortliche im türkischen Militärapparat und der Politik bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.

Das Dorf Roboski liegt im Landkreis Uludere, Provinz Sirnak. 34 junge Menschen, wovon 19 (!) noch Minderjährige waren, wurden zur Abendstunde des genannten Tages von türkischen F-16 Kampfjets aus der Luft bombardiert und getötet. 27 der Opfer gehörten der Großfamilie Encü an, welche mit ihren Weggefährten Güter aus dem Kurdischen Autonomiegebiet im Irak „schmuggelten“ um durch Arbitrage aus dem Grenzgeschäft einen Gewinn in Höhe von jeweils 50 türkischer Lira (Gegenwert rd. 20 Euro im Dezember 2011) zu erwirtschaften. Bekanntlich ist dieser regelmäßige Grenzschmuggel seit Jahrzehnten die einzige Möglichkeit der lokalen Bevölkerung, um in dieser strukturschwachen Region irgendwie zu überleben. Obwohl diese Art des Handelns mit Produkten wie Zucker, Tabak und Sprit den Armeevertretern vor Ort bekannt war und diese, gemäß manchen Behauptungen, diesen offenkundig duldeten und sogar daran mitverdienten, wurden 34 Zivilisten „fälschlicherweise“ für PKK-Kämpfer gehalten und kaltblütig ermordet.

Altan klagt in seinem Text die Doppelmoral der Türken an, die sich nur Stunden nach dem Massaker ausschweifend amüsierten und sich somit fernab jeder Solidaritätsbekundung in Gleichgültigkeit darboten. Die bis heute gültige und sich zusehends zuspitzende Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Türkei drückte sich zu gegebener Zeit unter anderem in Form der Entschädigungszahlung aus, die als insgesamt 4,182 Mio. türkische Lira (rd. 1,7 Mio. Euro Gegenwert im Dezember 2011) definiert wurde. Zum Vergleich: Israel hat sich nach dem Übergriff auf die Hilfsflotte „Mavi Marmara“ zu einer Entschädigungszahlung in Höhe von 20 Mio. US-Dollar für 9 (!) getötete Türken bereit erklärt. Die Familien der Opfer von Roboski haben dieses lächerliche Schweigegeld nicht angenommen und dem türkischen Staat unter Wahrung ihrer Würde zurückerstattet. Wir verneigen uns vor den 34 Opfern, deren Lebenszeit sich auf lediglich 12 bis 37 Jahre erstreckte, die aber niemals in Vergessenheit geraten werden.


Was wollt ihr von den Kurden?

Als in den ersten Sekunden des neuen Jahres Feuerwerkskörper den Himmel über Istanbul erhellt haben, bin ich errötet.

Wut und Scham haben mich überkommen.

Ausgiebige Feiern einer Gesellschaft, die nur kurze Zeit nach der Beisetzung von 35 massakrierten Mitbürgern (Anm.: in den ersten Tagen ist man von einem Toten mehr ausgegangen) stattfanden, war für mich schwer verdaulich um ehrlich zu sein.

Ich spreche nicht von einer vorgetäuschten Trauer oder einem Feierverbot für jedermann, jedoch empfinde ich ausufernde Feste die förmlich nach „Wir scheren uns nicht um diese Toten!“ schreien, als Gefühlslosigkeit um es milde auszudrücken.

Um die Türkei mit der Wahrheit zu konfrontieren reicht eine einfache Fragestellung:

„Würdet ihr in gleicher Weise Feiern veranstalten, falls die PKK zwei Tage vor Silvester einen Bus mit 35 türkischen Zivilisten in die Luft gesprengt hätte?“

Wir wissen alle, dass dies nicht passiert wäre.

Das wesentliche Problem ist doch, dass die Türken in ihrer Gedankenwelt unterschiedliche Maßstäbe und Werte für sich und die Kurden definieren.

Das Kurdenproblem ist in ihrer Essenz nämlich dergestalt schlicht.

In diesem Land gelten für Türken und Kurden unterschiedliche Maßstäbe.

Als der Ko-Vorsitzende der BDP (Anm.: Vorgängerpartei der HDP) Selahattin Demirtaş, das Wegbleiben der Staatsvertreter und türkischen Mitbürger von der Trauerfeier als „Wir sind gespalten, das hier ist Kurdistan!“ kommentierte, hatte er recht damit.

Diese alleingelassenen Opfer, diese angeberischen Feste und diese Gleichgültigkeit belegen die Spaltung in den Köpfen der Türken.

Was wollt ihr von diesen Menschen also, um deren Leben und Tod ihr euch nicht schert?

Was wollt ihr von den Kurden?

Wenn Leyla Zana ein Referendum vorschlägt um herauszufinden ob „eine Autonomie, ein föderatives System, oder die Unabhängigkeit“ gefordert wird, deutet ihr auf die Waffen und antwortet mit „hol es dir auf dem Schlachtfeld“.

Wenn sie „lasst uns gleichberechtigt sein“ sagen, antwortet ihr mit „muttersprachlicher Unterricht in Kurdisch würde das Land spalten“ und gewährt den kurdischen Kindern nicht die gleichen Rechte die ihr euren eigenen gewährt.

Ihr möchtet keine Gleichberechtigung, ihr möchtet keine Teilung, ihr empfindet kein Mitgefühl.

Was wollt ihr dann?

Was ihr wollt ist eigentlich ziemlich offensichtlich: ihr möchtet Gebieter sein und die Kurden

zu Sklaven machen.

Die Kurden werden zu keinen Sklaven.

Niemals werdet ihr das erreichen können.

Mit eurer Selbstsüchtigkeit, Arroganz, Dreistigkeit und Ungeschicktheit säht ihr einen

derartigen Hass in die Herzen der Kurden, dass der Krieg in diesem Land niemals zu Ende

gehen wird.

Warum versteht ihr das nicht?

Die Kurden gehen in die Berge (Anm. bildlich für „den Widerstand“) um ihre Empörung, ihre Wut und ihre Auflehnung gegen diese „Demütigung“ zu zeigen.

Deshalb nehmen sie den Tod in den Kauf.

Ihr bringt diese Menschen um und entschuldigt euch nicht.

Ihr bringt diese Menschen um und interessiert euch dafür nicht.

Wenn Türken sterben weint ihr, wenn Kurden sterben amüsiert ihr euch auf Festen und zündet Feuerwerk.

Seit 30 Jahren gehen diese Menschen in die Berge.

Was glaubt ihr weshalb sie das tun?

Ihr behauptet, dass sie „hereingelegt werden“; sie werden nicht hereingelegt, sie gehen aus eigenem freien Willen und demonstrieren damit ihre Wut, beweisen den Türken ihr Existenzrecht, wahren ihre Würde und zeigen, dass sie die Sklaverei nicht akzeptieren.

Anstatt an euch selbst zu arbeiten, versucht ihr die Kurden zu überzeugen sich als „Bürger zweiter Klasse“ zu verstehen und sie einzuschüchtern.

Ihr werdet sie nicht einschüchtern können.

Ihr tötet Mütter, Väter, Kinder, Geschwister ohne euch zu entschuldigen; ohne Rücksicht auf die Trauer – insbesondere eine Trauer die ihr zu verantworten habt – veranstaltet ihr Feste; ihr zwingt sie ihr Leid zu unterdrücken; wenn Auflehnung demonstriert wird, bezichtigt ihr sie der „Rebellion, Undankbarkeit“; ihr schleppt sie in Gerichte, verhaftet sie, verurteilt sie; ihr deutet auf eure Waffen, eure Armee, eure Kampfjets und Panzer, wenn sie in Folge „dieser Ablehnung, die Unabhängigkeit einfordern“; ihr verwehrt die Gleichberechtigung und fragt zugleich „weshalb sie in die Berge gehen“.

Versteht ihr denn wirklich nicht weshalb es sie dahinzieht?

Wer nach all diesen Vorkommnissen kein Verständnis für den Widerstand der Kurden hat, besitzt keine Würde, kein Stolz, keine Ehre; wer kein Verständnis für den Widerstand der Kurden hat, wird sich nicht lautstark beschweren, wird den Kopf einziehen, ängstlich sein und sich der Ehrlosigkeit angewöhnen müssen, sofern ihm gleiches widerfährt.

Wenn ihr den Kurden nicht mit Respekt begegnet, trennt euch.

Wollt ihr euch nicht trennen, dann begegnet den Kurden mit Respekt.

Während sie trauern, könnt ihr keinen Frieden und Ruhe finden indem ihr Feuerwerkskörper über ganz Istanbul zündet.

Denn diese über Istanbul knallenden bunten Feuerwerkskörper werden als tiefschwarzes Leid über das ganze Land herunterprasseln und wir alle werden unseren Anteil an diesem Leid erfahren.

Ahmet Altan


*Die Beiträge geben die Meinung der Autoren wieder, die nicht der Meinung der KGD entsprechen muss.