Internationaler Tag der Muttersprache 21. Februar „Abhandlung über die kurdische Sprache“

Bild: unesco.org

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Abhandlung über die kurdische Sprache

Es besteht kein Zweifel darüber, dass die „Sprachfrage“ zu eines der größten Herausforderungen der innerkurdischen Gesellschaft gehört. Die kurdische Gesellschaft zeichnet sich in erster Linie sowohl durch eine starke religiöse Heterogenität als auch durch eine sprachliche Vielfalt aus. Zu den größten und weitverbreitetsten kurdischen Dialekten zählen das Kurmanci (Mehrheitsdialekt/lateinische Buchstaben), das Sorani (arabische Buchstaben) und das Kırmancki (Zaza, lateinische Buchstaben). Insofern fehlt bis heute eine einheitliche kurdische Hochsprache, mit der sich alle Kurden problemlos untereinander verständigen können.

Bei der Neugestaltung des Nahen Ostens nach dem 1. Weltkrieg wurden die Kurden hintergangen. Ein eigener kurdischer Staat wurde Ihnen verwehrt. So war es den Kurden nicht möglich, schon früh innerhalb eines kurdischen Staates eine entsprechende Sprachen- und Bildungspolitik zu betreiben, die eine gemeinsame kurdische Hochsprache hervorbringt.

Diese „Sprachfrage“ der Kurden ist in erster Linie auf die Aufteilung und Besetzung Kurdistans nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches Anfang des 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Die Besatzerstaaten Türkei, Syrien, Irak und Iran, in denen die Kurden sich jeweils voneinander getrennt als Minderheit wiederfanden, erfuhren brutalste Diskriminierungen und Verfolgungen, wenn sie sich dem ihnen zugefügten Unrecht durch die jeweiligen Regime widersetzen und ihre sprachlichen, kulturellen und politischen Rechte forderten.

An ihnen wurden Massaker, Hinrichtungen oder Säuberungsaktionen begangen. Tausende kurdischer Dörfer wurden zerstört oder ihre Bevölkerung deportiert. In die „von Kurden gesäuberten“ Gebiete und Siedlungen wurden schließlich Araber, Türken und Perser angesiedelt.

Die internationale Gemeinschaft blieb untätig. Sie nahm das den Kurden zugefügte Unrecht nicht zu Kenntnis. Zu wichtig waren die geopolitischen Interessen in er Region, als dass man die Beziehungen mit den Besatzerstaaten auf Spiel setzen wollte. So unterschiedlich die Besetzerstaaten auch sein mögen, in der Frage der Unterdrückung und Verfolgung der Kurden waren sich die Türkei, Syrien, der Irak und der Iran einig und scheuten trotz aller Differenzen und Konflikte zumindest in dieser Frage die Kooperation untereinander nicht. Eine besondere Maßnahme der Besatzerstaaten, um die kurdische Identität aus der Geschichte zu tilgen, war die Assimilationspolitik, die dazu führen sollte, eine sprachliche und kulturelle Entwurzelung der Kurden zu erreichen, um sie ihrer ethnischen, ihrer kurdischen Identität zu berauben. Die Kurden wehrten sich jedoch. Die Aufstände der Kurden sind deshalb auch im Rahmen einer Sprach- und Kulturrevolution zu sehen, womit sie ihre Eigenständigkeit und Existenz wahren und schützen wollten. Diese feindliche Mentalität der Besatzerstaaten gegen die kurdische Identität, Kultur und Sprache beschreibt der türkische Soziologe Ismail Besikci wie folgt:

„Kurdistan jedoch ist mitten im Nahen Osten eine internationale Kolonie. Es ist geteilt und zerstückelt. Es ist die gemeinsame Kolonie der Türkei, des Iran, des Irak, und Syriens. Alle seine geistigen Reichtümer, seine Sprache, seine Kultur, sein Kulturerbe sind ihm genommen.“ (1)
„Wie kann ein Volk und die Angehörigen eines Volkes, dessen Muttersprache verboten ist, das unter massiver Unterdrückung lebt, wie können sie an ihren Kulturelementen teilhaben? Kann sich Kultur überhaupt ohne Muttersprache entwickeln? Ist nicht Kultur eine Ableitung der Muttersprache? Wie kann man sich angesichts rassistischer und kolonialistischer Unterdrückung eine Kultur erhalten und weiterentwickeln?“ (2)

Letztendlich hatte man damit im Sinn die kurdische Sprache vergessen zu lassen und den Kurden damit ihre Identität zu rauben. Die Eigenständigkeit des kurdischen Volkes samt Kultur und Sprache betonte auch der französische Orientalist Maxime Rodinson:

„Die Rechte des kurdischen Volkes dürften für jedermann außer Zweifel stehen. Hier haben wir ein ganz spezifisches Volk, das eine fest umrissene Sprache spricht (auch wenn man im Iran anderes behauptet), auf einem zusammenhängenden Gebiet lebt, eine besondere Kultur besitzt und in seiner übergroßen Mehrheit die kulturelle Assimilierung, zu der man es zwingen will, ablehnt und das tausendfach seit mehr als hundert Jahren bewies, dass es sich bewusst ist, eine besondere ethnisch-nationale Gruppe zu bilden, die einen Anspruch auf eigene politische Institutionen hat und der das Recht zusteht, ihre Entscheidungen autonom zu treffen. Mit den strategischen und taktischen Entscheidungen der früheren und heutigen kurdischen Führer, die oft kritikwürdig waren, und vielleicht noch mit vielem anderen kann man einverstanden sein oder nicht. Aber die von mir aufgezählten Merkmale, die die Besonderheit des kurdischen Volkes ausmachen, sind objektive Tatsachen, die man nicht weg reden, die kein ernsthafter Beobachter abstreiten kann.“ (3)

Der französische Journalist Chris Kutschers unterstreicht die Eigenständigkeit der kurdischen Identität:

„Mit ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Religion und ihren Traditionen bilden die Kurden eine der ältesten Nationen des Nahen Ostens.“ (4)

Wir müssen festhalten, dass es den Besatzerstaaten trotz langjähriger Vernichtungs- und Assimilationspolitik nicht gelungen ist, die kurdische Sprache, was zur kurdischen Identitätsbildung unabdingbar ist, aus der Geschichte zu tilgen. In der Tat war die kurdische Gesellschaft im 20. Jahrhundert sehr konservativ und feudalistisch organisiert. Dies hat einen wichtigen Beitrag dafür geleistet, die kurdische Sprache und Identität zu schützen. Leider stand gerade der Feudalismus wiederum einem Erstarken eines gesamtkurdischen Nationalismus entgegen, die notwendig gewesen wäre, um eine staatliche Unabhängigkeit Kurdistans durchzusetzen. Nicht destotrotz gab es auch externe Faktoren, die eine Rolle spielten und dies verhinderten. Auch die Tatsache, dass die Bildungseinrichtungen der Besatzer lange Zeit die kurdischen Regionen nicht großflächig durchdrungen haben und viele Menschen gar keine bis nur wenig Schulbildung erhielten, konservierte die kurdische Sprache, wohlgemerkt lediglich auf oraler Ebene.

Jahrzehnte lange Trennung der Kurden voneinander durch künstlich gezogene Grenzen und der Besetzung ihres Heimatlandes Kurdistan haben unweigerlich auch Konsequenzen zur Folge. Sprache ist etwas Lebendiges. Den Kurden war es nicht gestattet ihre Sprache zu sprechen und zu entwickeln wie es andere Völker auf der Welt taten. Die kurdische Gesellschaft konnte keine einheitliche Hochsprache entwickeln, mit der sich alle Kurden verständigen konnten. Die Besatzerregime taten alles daran, die sprachliche und kulturelle Entwicklung des kurdischen Volkes zu verhindern.

Fast schon 100 Jahre Assimilationspolitik muss das kurdische Volk ertragen. Dies zeigt leider auch seine Wirkung, wenn viele Kurden ihre Muttersprache nicht mehr sprechen und sich nur noch in den Sprachen der Besatzer verständigen können. Nicht selten wird die kurdische Herkunft negiert, weil man Diskriminierungen verhindern möchte und glaubt mit einer türkischen, arabischen oder persischen Identität erfolgreicher sein Leben meistern zu können.

Die Frage ist heute vielmehr ob es eine einheitliche kurdische Hochsprache geben kann.

Fragt man nun jeweils einen Kurmanci- oder Sorani-Sprecher, werden sie jeweils ihren Dialekt als einheitliche kurdische Hochsprache vorschlagen und durchsetzen wollen. Insofern braucht es also Kompromissbereitschaft, um größere Konflikte innerhalb der kurdischen Gesellschaft darüber vorzubeugen.

Eine demokratische und unabhängige kurdische Gesellschaft ist sich dessen bewusst, dass die unterschiedlichen kurdischen Dialekte einen besonderen kulturellen Wert darstellen. Die einzige Lösung ist die Anerkennung und Förderung der Dialekte. Auf regionaler Ebene können die jeweiligen Dialekte als offizielle Amtssprache dienen. In den Schulen könnten zusätzlich die anderen Dialekte gelehrt werden. Sie als Pflichtfächer einzuführen wäre sicherlich sinnvoll.

So werden sich die nachkommenden Generationen problemlos verständigen, die verschiedenen kurdischen Dialekte sich mit der Zeit annähern und eine einheitliche kurdische Hochsprache wird sich entwickeln. Deshalb ist es wichtig alle Dialekte gleichberechtigt zu behandeln, um gesellschaftliche Konflikte zu vermeiden. So können auch Entfremdungsprozesse vermieden werden, die entstehen, falls versucht werden sollte, einen bestimmten kurdischen Dialekt allen Kurden einheitlich aufdrücken zu wollen.

Wie erwähnt, müssen die Kurden dafür frei leben können und einen eigenen unabhängigen Staat haben, der im Rahmen einer staatlichen Bildungspolitik die kurdische Sprache unterstützt, organisiert und fördert. Die bestehenden Besatzerregime Kurdistans werden dies immer zu torpedieren versuchen. Nur in der Autonomen Region Kurdistan (KRG) ist es derzeit möglich, dass sich die kurdische Sprache entfalten kann.

Die UNESCO schreibt heute am 21. Februar, dem internationalen Tag der Muttersprache folgendes auf ihre Homepage:

„Sprachliche und kulturelle Vielfalt repräsentieren universelle Werte, die Einheit und Zusammenhalt einer Gesellschaft stärken. Der internationale Tag der Muttersprache erinnert an die Bedeutung des Kulturgutes Sprache. Er soll die Sprachenvielfalt und den Gebrauch der Muttersprache fördern und das Bewusstsein für sprachliche und kulturelle Traditionen stärken.“ (5)

An einem Tag wie heute, muss daran erinnert werden, dass die kurdische Sprache in der Tat zu den gefährdetsten Sprachen weltweit gehört. Insofern sollte die kurdische Sprache auch in Deutschland gefördert und gestärkt werden, wie es bei anderen Fremdsprachen hier zu Lande üblich ist.

Viele kurdische Jugendliche in Deutschland würden gerne ihre Muttersprache lernen und als Auswahlsprache an der Schule wählen, wenn die Möglichkeit geschaffen würde. Sowohl das Angebot als auch die Förderung der kurdischen Sprache sind in Deutschland noch sehr gering und dementsprechend ausbaufähig. Auch das Selbststudium der kurdischen Sprache, kann nicht einen gut organisierten Kurdisch-Unterricht für Kinder bzw. SchülerInnen ersetzen.

Obwohl deutsche Behörden mittlerweile auch Infomaterialien oder Broschüren neben Deutsch auch in den Herkunftssprachen der hier lebenden Migranten herausgeben, hat die kurdische Sprache der über 1 Mio. hier lebenden Kurden das Nachsehen. Trotz der vielen kurdisch-stämmigen Migranten in Deutschland wird die kurdische Sprache vernachlässigt und nicht gleichbehandelt wie etwa die türkische oder arabische Sprache.

Die kulturellen und sprachlichen Errungenschaften der Kurden in Westkurdistan (Rojava) geben Anlass zur Hoffnung, dass sich die kurdische Sprache in Zukunft frei in einem unabhängigen kurdischen Staat Kurdistan entfalten wird.

Autor: Aram Ahmad

(1) Ismail Besikci (1987): Wir wollen frei und Kurden sein. Brief an die UNESCO. 2. Auflage. Frankfurt/M.:
isp-Verlag, S. 101.
(2) Ebd., S. 79.
(3) Ebd., S. 9-10.
(4) Ebd., S. 10.
(5) Deutsche UNESCO-Kommission e.V. (2015): Internationaler Tag der Muttersprache. Online:
http://www.unesco.de/welttag_muttersprache.html, Stand: 21.02.15.

 

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