In Gedenken an die ermordeten 5000 Menschen in Halabja

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16. März 1988: Giftgasangriff auf Halabja
(Halabdscha / Helebce / Halepçe)

Vor 27 Jahren wurde die südkurdische Stadt Halabdscha von Saddam Hussein bombardiert. Am Ende erstickten etwa 5000 Menschen qualvoll, fast ausschließlich Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Es war der massivste Einsatz von Giftgas seit dem Ersten Weltkrieg!

Die Kurdische Gemeinde Deutschland gedenkt der ermordeten KurdenInnen, die grausam vor den Augen der Weltöffentlichkeit massakriert wurden!

 

Irakischer Giftgasangriff Geruch von Müll und süßen Äpfeln

 Es war der schlimmste Giftgaseinsatz seit dem Ersten Weltkrieg: Vor 25 Jahren wurde die irakische Stadt Halabdscha bombardiert – von Saddam Husseins Armee. Der Diktator wollte ein Exempel an der kurdischen Minderheit statuieren. Chemikalien und Geräte für die Waffenherstellung lieferte der Westen.

Von Christoph Gunkel
Quelle: Der Spiegel

Erst roch es schlecht. „Nach Müll“, erzählte Nasrin Abdelkadir später. Danach war es auf einmal ein ziemlich angenehmer Geruch. Der von süßen Äpfeln.

Es war der 16. März 1988, seit fast acht Jahren lieferten sich Iran und der Irak einen erbitterten Grenzkrieg. Im Keller von Nasrins Elternhaus in der nordirakischen Stadt Halabdscha hockten 26 Freunde und Verwandte, draußen explodierten die Bomben. Als es gegen zwei Uhr nachmittags etwas ruhiger wurde, sollte Nasrin schnell in die Küche laufen, um etwas Essen in den Schutzraum zu bringen.

Nasrin war erst 16, doch der süßliche Apfelgeruch kam ihr sofort seltsam vor. Auch die Geräusche, die sie unmittelbar zuvor gehört hatte. Keine lauten Explosionen wie sonst. Eher ein leises Scheppern, als ob etwas Metallisches abgeworfen worden wäre. Ein verdächtig leises Geräusch für diesen Krieg.

Noch einmal wechselte der Geruch. Nun stank es nach Eiern. Nasrin blickte zu dem Huhn, das ihr Vater in einem Käfig im Haus hielt. Es lag leblos auf der Seite. Sie blickte aus dem Fenster. „Alles war staubig und mit etwas bedeckt, das nach schwarzer Asche aussah“, erinnerte sie sich später in der BBC. „Die Vögel auf den Bäumen schlugen mit den Flügeln. Sie starben alle.“ Ebenso die Ziegen und Schafe draußen. „Ich rannte in den Keller, alle hatten rote Augen – tiefrote Augen.“ Als Nasrin sagte, etwas stimme mit der Luft nicht, brach Panik aus.

Panische Flucht

Überall in Halabdscha, einer überwiegend von Kurden bewohnten Stadt von 70.000 Einwohnern, spielten sich an diesem 16. März vor 25 Jahren ähnliche Dramen ab. Senfgas und Nervenkampfstoffe, schwerer als Luft, krochen in die Häuser und machten Schutzkeller plötzlich zu Todesfallen. In Panik gelang es einigen, in die Berge zu fliehen, doch erblindet vom Gas und nach Luft ringend liefen andere einfach nur orientierungslos im Kreis.

Am Ende erstickten etwa 5000 Menschen qualvoll, fast ausschließlich Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder. Es war der massivste Einsatz von Giftgas seit dem Ersten Weltkrieg, und er kam nicht vom Erzfeind Iran, dessen Grenze nur 15 Kilometer von Halabdscha entfernt liegt. Es war Saddam Hussein, der die lautlosen Todeswaffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzen ließ. Nicht einmal vorherige chemische Attacken gegen Iran waren derart verheerend gewesen.

Es war kein Zufall, dass sich dieser Gewaltexzess gerade gegen die Kurden richtete. Diktator Hussein wollte mit dem Massaker ein Exempel an der ungeliebten Minderheit statuieren. Denn ein großer Teil der drei Millionen nach Autonomie strebenden Kurden unterstützte im Golfkrieg Iran. „Peschmerga“, „die dem Tod ins Auge Sehenden“, nannten sich die kurdischen Guerilla-Kämpfer. In Turban und mit AK-47-Sturmgewehren gingen sie gegen irakische Truppen vor.Ob ein siegreiches Iran den Kurden mehr Autonomie bringen oder gar den Traum vom eigenen Staat ermöglichen würde, war unsicher. Schließlich war auch Ayatollah Chomeinis Gottesstaat wenig glimpflich mit den iranischen Kurden umgegangen. Doch den vagen Autonomieversprechen Saddam Husseins glaubte niemand mehr. Und so hatten sich die beiden einflussreichsten irakischen Kurden-Organisationen schon 1986 von Teheran zum gemeinsamen Waffengang gegen den Irak überreden lassen.

Jetzt, Anfang 1988, erzielte diese Allianz große Erfolge. Im Nordosten konnten zwei iranische Divisionen binnen weniger Tage ein mehr als 600 Quadratkilometer großes Gebiet erobern. Damit waren auch die lebenswichtigen Erdölfelder von Kirkuk nur noch rund hundert Kilometer entfernt. Am 15. März eroberten iranische Einheiten Halabdscha. „Die Invasoren“, klagte ein irakischer Regierungssprecher, seien nicht bekämpft, sondern „auch noch mit Jubel begrüßt“ worden. Einen Tag danach folgte die grausame Vergeltung.

Und die war minutiös geplant. Ein Augenzeuge erzählte später dem renommierten US-Reporter Jeffrey Goldberg, er habe einen irakischen Helikopter gesehen, der weiße Papierschnipsel abgeworfen habe. Erst im Rückblick wurde klar, worin der Sinn gelegen haben musste: Die Iraker maßen Windrichtung und Windstärke. Dem Papier folgte kurz danach die Gasbomben.

Tod im Keller

Sie zerstörten Träume und zerrissen Familien. Mohammed Ahmed Fattah etwa wollte am 16. März heiraten. „Alles war schon vorbereitet“, erzählt er Reporter Goldberg. Stattdessen musste er mit seiner Angetrauten in einen Keller flüchten. „Ich versuchte sie zu beruhigen und sagte ihr, es sei der übliche Artillerie-Beschuss. Aber es roch nicht wie sonst. Sie war intelligent, sie wusste, was passiert war. Sie starb noch auf den Stufen des Kellers.“

Andere kamen weiter, bis auf die Straßen. „Die Chemiewolken hingen tief, wir konnten sie sehen“, berichtete ein weiterer Überlebender. „Viele Kinder lagen am Boden, neben dem Weg. Ebenso die Alten. Die Menschen rannten, und dann hörten sie auf zu atmen und starben.“

Die Aufnahmen von Müttern, die im Todeskampf noch irgendwie versuchten, ihre Säuglinge zu schützen, gingen um die Welt. Und Iran wusste die Macht der Bilder einzusetzen. Mit Helikoptern ließ das Mullah-Regime – sonst westlichen Journalisten gegenüber äußerst argwöhnisch – etliche Kamerateams nach Halabdscha fliegen. Reporter befragten in Teheraner Krankenhäusern vom Gas entstellte Überlebende, viele von ihnen erblindet, die Lungen verätzt. Der Irak wehrte sich mit der zynischen Behauptung, in Wahrheit habe Iran das Giftgas abgeworfen; manch einer glaubt das bis heute.

„Die internationale Gemeinschaft? Scheiß auf die!“

Die Empörung im Westen war so groß wie heuchlerisch. Aus politischen Gründen hatten besonders die USA jahrelang den Irak gestützt – zu groß war nach der Islamischen Revolution die Angst vor dem iranischen Gottesstaat. Der Sondergesandte Donald Rumsfeld, später US-Verteidigungsminister, schüttelte Hussein bei einem Besuch 1983 freundschaftlich die Hand, was ihn Jahrzehnte später in Erklärungsnot brachte. Auch sonst vermieden westliche Regierungen so ziemlich alles, was den irakischen Diktator verärgert hätte.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag stufte den Giftgasanschlag später als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein, doch zunächst blieb es erstaunlich ruhig. „Frankreich und die USA verhielten sich auf ähnliche Art und Weise“, erklärte der französische Spitzendiplomat Éric Rouleau einmal in einem Interview. „Sie ignorierten das Massaker regelrecht, sie hinterfragten es, sie wollten nicht darüber reden.“ Ausgerechnet Saddam Husseins Cousin, der später als „Chemie-Ali“ berüchtigte al-Majid, hatte die Nachsicht des Westens schon 1988 vorhergesehen: „Ich werde sie alle mit Chemiewaffen umbringen! Wer wird etwas sagen? Die internationale Gemeinschaft? Scheiß auf die!“

Auch in der Bundesrepublik gab es viele, die kein Interesse hatten, dass das irakische Giftgas die Öffentlichkeit aufwühlte. Diskrete Firmen wie die Karl Kolb KG und ihre Schwester Pilot Plant aus dem hessischen Dreieich etwa. Oder das Hamburger Unternehmen W.E.T. (Water Engineering Trading).

Giftfabriken, made in Germany

Firmen mit solch harmlosen Namen hatten den Irak seit Anfang der achtziger Jahre Anlagen und Zubehör geliefert, mit denen chemische Kampfstoffe produziert werden konnten. Zwischen 1982 und 1988 lieferten deutsche Firmen einer Studie zufolge Waffen im Wert von 625 Millionen Dollar. Die Unterstützung Husseins war politisch gewollt, das Außenwirtschaftsgesetz lax formuliert und „im Zweifelsfall zu Gunsten des Freiheitsprinzips“ auszulegen. Zudem galt die Dual-use-Regel: Wenn Geräte sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden konnten, wurden sie genehmigt.

Schon 1984 hatte die CIA die Bundesregierung über fragwürdige Lieferungen informiert, doch es dauerte zwei Jahre, bis das Außenwirtschaftsgesetz moderat verschärft wurde. Über Scheinfirmen wurde trotzdem illegal weitergeliefert. „Kein anderes Land hat den Irak beim Bau von Rüstungsanlagen in dem Maße unterstützt und geholfen, ein umfassendes C-Waffen-Arsenal aufzubauen wie Deutschland“, klagte die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl später. Nach Schätzungen wurde 60 Prozent des irakischen Giftgases mit deutscher Technik hergestellt.

Doch die Toten von Halabdscha hatten für die deutschen Manager kaum Folgen. „Wer Giftgasanlagen herstellt, wird mit Freispruch belohnt“, schrieb die „taz“ 1994 verbittert. Drei Hauptangeklagte der Firma Karl Kolb AG waren damals freigesprochen worden, der Grund: Gutachter kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, ob die Kolb-Anlage ausschließlich für die Herstellung von Giftgas geeignet war – oder auch für Pflanzenschutzmittel.

Vergessener Völkermord

Nach 1990 wurde insgesamt gegen 22 Angestellte von zehn deutschen Firmen ermittelt – am Ende standen nur drei kurze Bewährungsstrafen. Entschädigungen zahlte niemand, auch nicht andere Firmen und Nationen, die in ähnlicher Weise involviert waren. Nach den deutschen Gerichtsprozessen der neunziger Jahre verschwand das Massaker wieder aus den Schlagzeilen. Ziemlich unbemerkt litten die Menschen in Halabdscha an den Spätfolgen: Krebs, Fehlgeburten, Unfruchtbarkeit.

Aus Sicht der Kurden war das Giftgas auch aus einem anderen Grund ein Fluch: Die panische Angst vor chemischen Vernichtungswaffen ließ die Welt vergessen, dass Saddam Hussein mit der Operation „Anfal“ von 1986 bis 1989 einen Völkermord an Kurden verübte – und zwar überwiegend mit klassischen Mitteln: Hunderte kurdische Dörfer wurden bombardiert, die Überlebenden in die Wüste getrieben und dort von Erschießungskommandos umgebracht. Die Opferzahlen schwanken zwischen 50.000 und 180.000.

Doch westliche Experten zählen heute ausgerechnet den Gasangriff von Halabdscha nicht zu diesem Völkermord. Der Grund: Iranische Truppen hatten die Stadt zuvor erobert – der Giftgasanschlag war dieser Logik nach eine Kriegsfolge. Die Operation „Anfal“ hingegen sei ein unabhängig vom Krieg geplanter Völkermord an den Kurden gewesen. Auch 25 Jahre nach dem Angriff muss diese kalte, technische Unterscheidung in den Ohren der Überlebenden von Halabdscha ziemlich zynisch klingen.