
Die Kurdische Gemeinde Deutschland übt scharfe Kritik an dem am 6. Februar 2026 veröffentlichten Spiegel-Artikel „Deshalb bewegt ein wohl falscher Zopf die Welt“ und weist dessen zentrale Darstellung entschieden zurück. Der Beitrag vermittelt eine einseitige und in wesentlichen Punkten falsche Darstellung der Ereignisse in Nordsyrien (Rojava) und verharmlost die reale Bedrohungslage der kurdischen Zivilbevölkerung.
Nach Auffassung der Kurdischen Gemeinde Deutschland verstößt die Berichterstattung gegen mehrere Ziffern des Pressekodex, insbesondere gegen die Pflicht zur wahrhaftigen Berichterstattung, zur sorgfältigen Recherche sowie zur angemessenen Darstellung von Gewalt und Leid.
Im Zentrum der Kritik steht die Behauptung, ein Video mit dem abgeschnittenen Zopf einer getöteten kurdischen Kämpferin sei Teil einer inszenierten Kampagne. Tatsächlich zeigt das Video den Mann Rami al-Dahesh, der am 20. Januar 2026 mit dem Zopf vor eine Kamera trat. Überwachungsvideos sowie Zeugenaussagen belegen den Tathergang; Hinweise darauf, dass es sich um eine Haarextension handelt, werden vor Ort klar zurückgewiesen.
Der Artikel relativiert zudem dokumentierte Gewalt gegen Kurdinnen und Kurden. Während Hunderttausende Menschen aus den umkämpften Regionen fliehen mussten, berichten Betroffene von Entführungen, Folter, Hinrichtungen und sexualisierter Gewalt. Diese Realität findet im Beitrag nicht die notwendige Beachtung – ebenso wenig wie die Bedrohung durch dschihadistische Milizen und türkisch unterstützte Gruppen.
Auch die Quellenlage ist problematisch: Der Beitrag stützt sich überwiegend auf anonyme oder der syrischen Übergangsregierung nahestehende Stimmen, während Perspektiven von Opfern sowie kurdischen Akteurinnen und Akteuren weitgehend fehlen. Gleichzeitig bleiben der politische und humanitäre Kontext – darunter massive Fluchtbewegungen sowie die weiterhin bestehende Aktivität des sogenannten Islamischen Staates – unzureichend eingeordnet.
Für Kurdinnen und Kurden hat das Abschneiden von Haaren eine tiefgreifende symbolische Bedeutung und steht für systematische Erniedrigung. Eine Darstellung, die solche Bilder vorschnell als „Propaganda“ abtut, verkennt das kollektive Trauma einer Bevölkerung, die seit Jahrzehnten Gewalt und Verfolgung erlebt. Verzerrte Berichterstattung hat konkrete Folgen: Sie delegitimiert berechtigte Sicherheitsbedenken, schwächt internationale Solidarität und beschädigt das Vertrauen der kurdischen Community in deutsche Medien.
Forderungen der Kurdischen Gemeinde Deutschland
Die Kurdische Gemeinde Deutschland fordert eine transparente Korrektur nachweislich falscher Aussagen, umfassende und ausgewogene Recherchen unter Einbeziehung kurdischer Quellen sowie eine verantwortungsvolle Berichterstattung, die Gewaltverbrechen weder relativiert noch aus ihrem humanitären Kontext löst.
Die Kurdische Gemeinde Deutschland hat den Spiegel zur Stellungnahme aufgefordert und formell Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Zudem ruft die Organisation für heute, Montag, den 9. Februar 2026, um 16:00 Uhr zu einer Kundgebung vor der Spiegel-Zentrale auf, um auf die besondere Verantwortung der Medien in der Berichterstattung über bewaffnete Konflikte und gefährdete Minderheiten aufmerksam zu machen.
Die Lage in Nordsyrien bleibt dramatisch. Nach den jüngsten Machtverschiebungen sind Hunderttausende Menschen auf der Flucht, während Berichte über schwere Menschenrechtsverletzungen zunehmen. Die kurdischen Kräfte haben über Jahre hinweg maßgeblich zum Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat beigetragen und dabei hohe Verluste erlitten. Sie verdienen internationale Aufmerksamkeit, Schutz und eine faktenbasierte Berichterstattung.
Die Kurdische Gemeinde Deutschland steht für Dialog und konstruktive Kritik und ist bereit, ihre Expertise in einen journalistischen Austausch einzubringen. Gleichzeitig erwarten wir von deutschen Leitmedien, ihrer besonderen Verantwortung gerecht zu werden und die Würde, Sicherheit und Rechte gefährdeter Gemeinschaften nicht durch unzureichend recherchierte Darstellungen zu gefährden.