Redebeitrag von Mehmet Tanriverdi auf der Gießener Kundgebung zum Gedenken an den 19. Februar 2020

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir gedenken heute den Menschen, deren Leben in Hanau durch rechten Terror zerstört wurden.

Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Vili Viorel Păun, Kaloyan Velkov, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Gabriele R. und Ibrahim Akkuş.

Der 19. Februar 2020 war einer der schwersten rechtsterroristischen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Ein Rassist machte gezielt Jagd auf Menschen, die er für nichtdeutsch hielt. Er ermordete neun Menschen und anschließend seine Mutter. In seinem Manifest sprach er von „Rassen“ und fantasierte von Säuberungen. Der rassistische und menschenverachtende Kern der Tat war offen formuliert.

Der Hanauer Bürger Ibrahim Akkuş überlebte diesen Anschlag zunächst. Am 10. Januar 2026 starb er im Alter von 70 Jahren an den Spätfolgen der Schussverletzungen. Wir schließen ihn als elftes Opfer in unser Gedenken ein.

Ibrahim wurde 1956 in Bismil, Diyarbakir geboren. Als Kurde erlebte er politische Verfolgung und rechtsextreme Gewalt in der Türkei. Mit zwanzig Jahren floh er gemeinsam mit seinem Bruder nach Deutschland. Beide beantragten Asyl in Hanau. Ibrahim durfte bleiben. Sein 19-jähriger Bruder wurde abgeschoben und in der Türkei von türkischen Rechtsextremen ermordet. Diese Erfahrung von nationalistischer Gewalt gehörte zu seiner Lebensgeschichte.

Jahrzehnte später traf ihn in Deutschland erneut rechter Terror. In der Tatnacht wurde er in der Arena Bar mehrfach angeschossen. Es folgten Operationen, langwierige Behandlungen und dauerhafte Pflegebedürftigkeit. Seine Mobilität verlor er fast vollständig. Die Folgen der Schüsse bestimmten sein Leben bis zuletzt. Sein Schicksal steht für eine bittere Kontinuität. Menschen fliehen vor politischer Verfolgung und geraten erneut ins Visier rassistischer Ideologien. Rechtsextreme Gewalt überschreitet Grenzen.

Der Täter von Hanau formulierte, was andere in abgeschwächter Form politisch verbreiten. Teile der Rechten versuchten sofort, die Tat zu entpolitisieren und den Attentäter zum bloß psychischen Kranken zu erklären. Damit sollte jede inhaltliche Nähe zu völkischen, rassistischen und ausgrenzenden Positionen verwischt werden.

Gleichzeitig zeigte sich ein weiteres Problem. Das Gedenken wurde immer wieder für eigene Zwecke benutzt. Türkisch-nationalistische und islamistische Gruppen versuchten früh, die Opfer in ihre politischen Erzählungen einzubauen. Religiöse Inszenierungen, nationalistische Symbolik und das Bild einer angeblich geschlossenen „muslimischen Gemeinschaft“ rückten in den Vordergrund. Einige der Ermordeten wurden dabei pauschal als muslimische Opfer dargestellt. Das verzerrt die Wirklichkeit. Die Getöteten hatten unterschiedliche Hintergründe, Lebensgeschichten und Glaubenszugehörigkeiten. Entscheidend war nicht ihre Religion, sondern dass sie aus rassistischen Motiven ermordet wurden.

Hanau war ein rechtsextremer Anschlag und kein Teil eines geopolitischen Kulturkampfs. Wer die Tat für eigene Zwecke benutzt, verkennt die Realität und tut den Opfern unrecht.

Das Gedenken verpflichtet zur Klarheit: Wir benennen staatliches Versagen. Wir sprechen über blockierte Notausgänge, über unzureichend besetzte Notrufleitungen, über Strukturen, die rechte Gefahr unterschätzt haben. Wir sprechen über institutionelle Blindstellen gegenüber Rassismus. Erinnerung trägt politische Verantwortung in sich. Sie verlangt Konsequenzen, Aufklärung und wirksamen Schutz. Ohne diese Schritte bleibt Gedenken ein leeres Lippenbekenntnis.

Für die deutsch-kurdische Community ist Hanau ein Tag des Erinnerns und der Verantwortung. Wir wissen, was es heißt, Schutz zu suchen und dennoch auf Misstrauen, Diskriminierung und politische Hürden zu stoßen. Hanau steht für ein gesellschaftliches Klima, in dem rechte Ideologien wieder offen in Parlamenten vertreten werden und Begriffe wie „Remigration“ als Schlagwort für Ausgrenzung, Entrechtung und Vertreibung benutzt werden.

Die Menschen von Hanau waren Nachbarn, Freundinnen, Kollegen, Väter, Mütter, Kinder. Sie waren Teil dieser Gesellschaft. Vili Viorel Păun stellte sich dem Täter entgegen und versuchte, weitere Morde zu verhindern. Sein Mut kostete ihn das Leben. Zivilcourage darf nicht die Lücken staatlicher Verantwortung schließen müssen.

Heute ist Hanau ein Mahnmal. Wir brauchen eine Gesellschaft, die rassistische Ideologie früh erkennt und entschieden bekämpft. Wir brauchen Sicherheitsbehörden, die rechte Netzwerke ernst nehmen. Wir brauchen eine politische Kultur, die Menschen mit Migrationsgeschichte nicht permanent unter Verdacht stellt.

Die Deutsch-Kurdische Gesellschaft Gießen e.V. steht an der Seite der Hinterbliebenen. Als stellvertretender Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland  spreche ich zugleich in ihrem Namen. Wir halten die Namen fest. Und wir werden nicht zulassen, dass sich die Geschichte wiederholt.

Vielen Dank.