Junge Troisdorferin hilft im Nordirak

HUMANITÄRER EINSATZ

Junge Troisdorferin hilft im Nordirak

Manchmal kommt im Elend auch Freude auf. „Die Kinder machen vieles leichter“, sagt Jinda Ataman (rechts oben). Foto: Privat

 

Jinda Ataman aus Troisdorf arbeitet in einem Flüchtlingslager im Nordirak mit, um das Elend der Menschen zu lindern. Ihre Arbeit in Deutschland hat die studierte Betriebswirtin weit hinter sich gelassen. 
Von Cordula Orphal / Rhein-Sieg Rundschau

Sie schleppt Steine, rührt Mörtel an, baut Toiletten und Waschräume und tackert mit klammen Fingern Folie auf provisorische Fenster- und Türrahmen. Es ist kalt im Nordirak, in den Zelten und den Rohbauten, in denen die Flüchtlinge hausen müssen. Mittendrin in all dem Elend packt Jinda Ataman aus Troisdorf an, als Freiwillige für die Grünhelme.

Ihre Arbeit in Deutschland hat die studierte Betriebswirtin weit hinter sich gelassen. Drei Monate unbezahlten Urlaub hat ihr die Verbraucherzentrale gewährt. Freunde, Ausgehen, sich schick machen, das alles verblasst für die 30-Jährige angesichts der humanitären Katastrophe. Weihnachten und Silvester hat sie fern der Familie verbracht.

Grünhelme und Kurdische Gemeinschaft helfen im Nordirak

Das Schicksal der Jesiden hat die Menschen erschüttert, ist aus den Schlagzeilen aber weitgehend verschwunden. Zehntausende haben auf der Flucht vor der Terrormiliz IS ihre Dörfer verlassen. Die Grünhelme gingen als eine der ersten Hilfsorganisationen in den Nordirak, nachdem die kurdischen Peschmerga einen Teil des Gebietes befreien konnten.

Die Grünhelme haben unter anderem im Sinjar-Gebirge Decken und Matratzen verteilt und in der Provinz Dohuk vier Camps winterfest gemacht. Sie wollen außerdem beim Wiederaufbau der Dörfer helfen. Rupert Neudeck, 75, hält die Vertreibung der Jesiden für „die größte humanitäre Katastrophe seit Ruanda“. Wiederholt hatte sich der Troisdorfer Pazifist, der 1979 die Hilfsorganisation Cap Anamur und 2003 die Grünhelme gründete, für Waffenlieferungen an die Kurden im Kampf gegen den IS stark gemacht.

Die Kurdische Gemeinschaft Bonn/Rhein-Sieg, die 5000 Mitglieder (darunter 500 Jesiden) zählt, hält engen Kontakt in die Region. Mit einer 4000-Euro-Spende unterstützte sie die erste Grünhelmhilfe im Sinjar-Gebirge. 13 Tonnen Kleiderspenden aus einer Aktion mit der Arbeiterwohlfahrt sind bereits verteilt. Zwei verletzte Kämpfer der Peschmerga-Armee wurden kürzlich in deutschen Krankenhäusern medizinisch behandelt und durch Vereinsmitglieder betreut. Einer ist bereits nach Kurdistan zurückgekehrt. (coh)

 Dohuk in der Autonomieregion Kurdistan ist rund 4300 Kilometer entfernt. Die Landschaft ist karg und steinig, anfangs regnete und schneite es, zur Zeit herrscht vergleichsweise „mildes Wetter“, neun Grad Celsius. Jinda Ataman, auch in den derben Gummistiefeln eine strahlende Erscheinung, stapft durch den Matsch. Einige der Kinder tragen zwar Schuhe, aber keine Strümpfe. Sie lachen. Das zeigen die Bilder, die die Helferin nach Hause schickt – wenn die Zeit und das Netz es zulassen.

 

Vertreibung und Verlust

„Die Kinder machen vieles leichter“, sagt Ataman. Sie fühlt sich zwar nicht mehr so ohnmächtig wie in Deutschland, dafür ist die bittere Not ganz nah gerückt. Manchmal habe sie Mühe, ihre Fassung zu bewahren, wenn sie die Geschichten von der Flucht vor den Mördertruppen des „Islamischen Staats“ (IS) hört, von Vertreibung und Verlust der Heimat, von Kindern voller Angst, die ihre Eltern suchen, von verzweifelten Eltern, die ihre Kinder vermissen. „Oftmals ist mir zum Weinen zumute, aber man hat hier nicht mal die Privatsphäre, dies zuzulassen“, schildert die Deutsch-Kurdin ihre Verfassung.

Zu sechst sind die Helfer untergebracht in zwei schlichten Zimmern und mit einer spartanisch eingerichteten Wohnküche. Der Tag beginnt früh und endet spät. Aber sie kann etwas tun. Bereits im Sommer in Deutschland organisierte sie mit anderen eine Geld- und Kleider-Spendensammlung für die Opfer des IS-Terrors. Das geschah unter dem Dach der Kurdischen Gemeinschaft Rhein-Sieg, die ihr Vater Musa Ataman mitbegründet hat vor 25 Jahren. Er ist deren Vorsitzender, Mutter Ayten und Jinda selbst arbeiten ehrenamtlich mit.

Nach zwei Vorträgen von Grünhelm-Gründer Rupert Neudeck in den Siegburger Vereinsräumen signalisierte Jinda mit einigen anderen ihre Bereitschaft, die humanitäre Hilfe vor Ort zu unterstützen. In zwei Gesprächen, sei ihr „auf den Zahn gefühlt worden“, ob sie den Belastungen gewachsen sein würde. „Ich hatte mir keine großen Hoffnungen gemacht, da ich weder handwerkliche Fähigkeiten besitze, noch Kurdisch kann.“

Schnee und Regen setzen die Flüchtlingslager oft unter Wasser. Jinda Altaman (r.) packt bei allen Arbeiten mit an.

Die Atamans, die aus Türkisch-Kurdistan stammen, sprechen den Dialekt Zazaki, Tochter und Sohn können allenfalls Bruchstücke. Im Nordirak ist hingegen Kurmanci verbreitet. „Mittlerweile verstehe ich schon etwas, aber das Sprechen fällt mir schwer“, berichtet die junge Frau. Es gibt zwar Übersetzer, doch sei es schwierig, in persönlichen Gesprächen in die Tiefe zu gehen, „obwohl einem so viele Fragen durch den Kopf gehen“. In kleinen Runden, wie beim gemeinsamen Mittagessen in den Zelten, würden aber die Hemmschwellen zu den Erwachsenen abgebaut.

Vater Musa Ataman ist sehr stolz auf seine Tochter, die Mutter aber auch besorgt. Wie geht die Tochter mit der möglichen Gefahr um? In den Camps im Autonomiegebiet Kurdistan, wo es eine halbwegs funktionierende Infrastruktur gibt, fühlt sie sich recht sicher. Doch Hilfe sei auch in noch nicht komplett befreiten Gebieten dringend nötig, das habe sie bei einer Fahrt ins Sinjar-Gebirge gesehen.

Schnee und Regen setzen die Flüchtlingslager oft unter Wasser. Jinda Altaman (r.) packt bei allen Arbeiten mit an.

Die großen Hilfsorganisationen mieden aus Sicherheitsgründen diese Gegend, nur vereinzelt versorgten kleinere Organisationen und Privatleute die Menschen dort mit Lebensmitteln und Kleidung. „Geisterstädte“ sah Jinda Ataman auf dem Weg ins Gebirge, „zerstörte Dörfer, menschenleere Straßen“, nur ab und zu Zelte, „von Camps kann man nicht sprechen, weil jegliche Infrastruktur fehlt“. Matratzen und Decken brachten die Grünhelme dorthin und jetzt auch die 13 Tonnen Kleidung und Lebensmittel aus Siegburg.

Ende März wird Jinda Ataman heimkommen. Mit dem Auto will sie über die irakisch-kurdische Grenze fahren, dann über Sirnak, Ankara und Istanbul nach Frankfurt fliegen.

Sie wird unauslöschliche Eindrücke mitbringen an die Menschen in bitterer Not, von denen einige sie auch nach ihrem Leben in Deutschland fragten und ihr dankten „für die Waffenlieferungen der Deutschen Regierung“.


Quelle:  Rhein-Sieg Rundschau