Militäroffensive auf Afrin : Ein „heiliger“ Krieg gegen die Kurden

Militäroffensive auf Afrin

Ein „heiliger“ Krieg gegen die Kurden

Und Deutschland schaut zu. Warum der türkische Präsident seine Angriffe auf die Enklave Afrin religiös rechtfertigt Von Ali Ertan Toprak

Quelle: http://www.zeit.de/2018/07/militaeroffensive-afrin-tuerkei-syrien-kurden-heiliger-krieg

Die zweitgrößte Nato-Armee führt einen Dschihad, einen „heiligen Krieg“. So nennt die Türkei ihre Angriffe auf die Kurdengebiete in Syrien, und die türkische Religionsbehörde Diyanet forderte alle Moscheen auf, für den Sieg zu beten. Auch deutsche Moscheen des Islamverbandes Ditib, deren Imame der Diyanet unterstellt sind, riefen zum Gebet für den Sieg auf. Aber was heißt hier Dschihad? Der richtet sich normalerweise gegen „Ungläubige“, und die Kurden sind mehrheitlich Muslime.

Der türkische Parlamentspräsident Kahraman hatte am 26. Januar mit Bezug auf die bombardierte Enklave Afrin gesagt, „dass es ohne Dschihad im Krieg keine Fortschritte geben kann“. Und Erdoğan behauptete, es gebe einen „postmodernen Kreuzzug“ gegen die Muslime – und „die Kurden der YPG sind die neuen Kollaborateure der postmodernen Kreuzzügler“. Die Kurden als Söldner christlicher Imperialisten, die gegen die islamische Religion antreten? Bitte wo? Kurden werden in der Türkei jetzt auch als Handlanger „der Zionisten“ diffamiert, der von den Kurden geforderte unabhängige Staat sei ein zweites Israel. Das ist die aktuelle Pointe eines alten Anti-Judaismus, der schon in der zweiten Koran-Sure Juden als „ausgestoßene Affen“ verfluchte, und der die Existenz Israels als ein Sakrileg ansieht. Nun wird er von Erdoğan neu befeuert. Nach seiner nationalislamistischen Ideologie sind Kurden heute nicht mehr „separatistische Terroristen“, wie in der laizistischen Türkei, sondern „Ungläubige“, deren Vernichtung im Sinne Allahs ist. Atatürks Nationalismus bekommt knapp hundert Jahre nach der Gründung der Türkischen Republik ein scheinreligiös-absolutistisches Gewand. Und die muslimischen Kurden werden zu Verrätern am Islam erklärt, noch verdammungswürdiger als Nichtmuslime. Warum?

Hauptsiedlungsgebiete der Kurden

Hauptsiedlungsgebiete der Kurden
© ZEIT-Grafik

Die säkular verwalteten kurdischen Gebiete in Nordsyrien sind Erdoğan ein Dorn im Auge, denn das autonome Rojava ist bislang eine Oase der Freiheit inmitten der vom Syrienkrieg und von radikalen muslimischen Terrorgruppen zerstörten Region. In Rojava fanden assyrische Christen und andere Minderheiten wie Jesiden oder Alawiten Zuflucht. Es geht also hier nicht nur gegen die Kurden und schon gar nicht nur gegen die Kampfeinheiten der YPG – sondern Erdoğan will seinen Traum vom Kalifentum, vom politisch mächtigen Islam nicht durch Regionen des „Unglaubens“ gefährdet sehen. Wer das für übertrieben hält, frage sich, warum der Präsident gern die Geste der Muslimbrüder zeigt: vier in die Luft gestreckte Finger, der Daumen eingeknickt. Erdoğan will keine säkulare Ordnung unter kurdischer Ägide und keine freiheitliche Gesellschaft im Nahen Osten.

Die einst sehr gläubigen Kurden sind heute die einzig wehrhafte säkulare Kraft der Region. Selbst die PKK hatte den separatistischen Zielen ihrer frühen Jahre offiziell abgeschworen, die Kurden hoffen auf einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch und versuchen, unter Kriegsbedingungen Demokratie zu etablieren.

Dagegen hatte Erdoğan nun auf Unterstützung vom Papst gehofft. Ein Irrtum! Der Papst befragte ihn peinlich nach der Lage der Kurden. Und der Präsident war nicht erfreut. Trotzdem sollten sich die Kirchen und die Politiker im Westen klarmachen: Erdoğan denkt gern in den Kategorien des Osmanischen Imperiums. Er träumt ein neo-osmanisches Märchen, in dem die Türkei endlich den postmodernen „Kreuzzügen“ christlicher Imperialisten gegen die islamische Welt ein Ende setzt. Und Deutschland? Hält sich zurück. Als sei das schon Friedenspolitik.

Wir kurdischstämmigen Deutschen aber fühlen uns an jenen Spruch von Kaiser Wilhelm II. erinnert, der 1915 seinen Botschafter Metternich wissen ließ: „Wir müssen die Türkei bis zum Ende des Krieges auf unserer Seite halten, gleichgültig ob darüber die Armenier zugrunde gehen oder nicht.“