Offener Brief an Reed Hastings, Geschäftsführer von „Netflix“ – Beenden Sie die Ausstrahlung von „Börü – Die Wölfe“

Bildnachweis: Szene aus der Actionserie © Screenshot Youtube

Sehr geehrter Herr Hastings,

Sie strahlen auf Ihrem Streamingdienst Netflix die türkische Eigenproduktion „Börü – Die Wölfe“ aus. Die Serie ist nicht allein einem türkischsprachigen Publikum zugänglich, sondern richtet sich synchronisiert und untertitelt an einen Weltmarkt.

Nicht nur bei uns KurdInnen und Kurden löst allein der Serientitel beklemmende Assoziationen aus. Als „Graue Wölfe“ werden in der Türkei türkische Rechtsextremisten bezeichnet, die in der Vergangenheit zahlreiche Gewalttaten und Morde begangen haben und deren menschenverachtende Haltung gegenüber Kurden und anderen Ethnien der Türkei bekannt ist. Diese Dimension kann den Namensgebern der Serie nicht entgangen sein, vielmehr scheint sie gezielt den Geist der Serie widerzuspiegeln, in der es auch weitere inhaltliche Parallelen zu den Rechtsextremisten gibt.

Die Serie „Börü – Die Wölfe“ spielt ganz offensichtlich in kurdischen Gebieten des Landes, wie in Diyarbakir, aber auch in Mardin und Sirnak. Seit Jahrzehnten ist diese Region von politischer Instabilität, staatlicher Repression gegen die Zivilbevölkerung und von Gewalt geprägt.

Gerade 2015/2016 haben hier wieder heftige militärische Operationen der türkischen Armee stattgefunden, die auch viele zivile Opfer zur Folge hatten: In zahlreichen kurdischen Städten setzte die Armee ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung schwere Artillerie und Kampfhubschrauber ein. Die Vereinten Nationen haben die Unverhältnismäßigkeit dieses Vorgehens sowie schwere Menschenrechtsverletzungen festgestellt. Eine traumatisierende Zeit, die erneut tiefe Wunden hinterlassen hat und in deren Folge über 500.000 Menschen aus ihren Vierteln und Städten vertrieben wurden. Der Rückbau an politischen und zivilen Rechten für die Kurden wird seither vorangetrieben. Repressionen richten sich in der ganzen Bandbreite gegen kurdische Bürgerrechtler, Intellektuelle, demokratisch gewählte Politiker und Journalisten.

Diese komplexe Lage der Kurdinnen und Kurden findet in der Action-Serie, die auf „wahren Begebenheiten“ beruhen soll, freilich keine Widerspiegelung: Einmal mehr kommen Kurden nur als sogenannte „Terroristen“ vor, die keine Stimme, kein Gesicht, sondern nur eine Waffe in der Hand haben und auf die man nicht mit Dialog, sondern nur mit Waffengewalt reagieren muss. Allein den türkischen Einsatzkräften wird eine individuelle Geschichte, eine Motivation sowie Schmerz über Verlust zugestanden. Eine Logik, die uns Kurdinnen und Kurden leider nur allzu vertraut ist.

Nicht zuletzt verherrlicht die Serie das türkische Militär zu einer Zeit, in der die türkische Regierung nach der völkerrechtswidrigen Besetzung Afrîns erneut eine umstrittene Militäroffensive in Syrien plant. Gerade zu diesem Zeitpunkt stellt die vereinfachende Action-Serie eine tiefe Verletzung und grobe Missachtung der Würde der kurdischen Zivilbevölkerung dar.

Wir als Kurdische Gemeinde Deutschland bitten Sie daher, „Börü“ nicht weiter auszustrahlen. Um eine Stellungnahme wird gebeten.

Mit freundlichen Grüßen
Mehmet Tanriverdi
Stellv. Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland

Open letter to Reed Hastings, chairman and CEO of “Netflix” –
Stop the broadcast of „Börü – The Wolves“

Dear Mr. Hastings,

On your streaming service Netflix you are broadcasting the Turkish production „Börü – The Wolves“. The series is not only accessible to a Turkish-speaking audience, but is synchronized and subtitled to reach a world market.

The series title alone provokes oppressive associations, not only for us Kurds. In Turkey, „Grey wolves“ are Turkish right-wing extremists who have committed numerous acts of violence and murder in the past and whose inhumane attitude towards Kurds and other ethnic groups in Turkey is widely known.

This dimension cannot have escaped the name givers of the series, but it seems specifically to reflect the spirit of the series, in which there are also more substantive parallels to the right-wing extremists. The series „Börü – The Wolves“ obviously plays in the Kurdish areas of the country, as in Diyarbakir, but also in Mardin and Sirnak. For decades, this region has been marked by political instability, state repression of the civilian population and violence.

Just in 2015/2016, fierce military operations of the Turkish army took place here again, which also resulted in many civilian casualties: in numerous Kurdish cities, the Turkish army used heavy artillery and helicopter gunships, regardless of the civilian population. The United Nations has drawn attention to the disproportionality of this operation and to serious violations of human rights. A traumatizing time that has once again left deep wounds, driving thousands of people out of their neighborhoods and cities. The dismantling of political and civil rights for the Kurds has been promoted since then. Repression is directed against Kurdish civil rights activists, intellectuals, democratically elected politicians and journalists.

This complex situation of the Kurds finds no reflection in the action series, which is to be based on „true events“, of course: Once more Kurds are represented as „terrorists“, with no voice, no face, but only a weapon in the hand and to which one must not react with dialogue, but only with force of arms. Only the Turkish forces have an individual story, a motivation and pain over loss. A logic that is unfortunately all too familiar to us Kurds.

Last but not least, the series glorifies the Turkish military at a time when the Turkish government is once again planning a controversial military offensive in Syria following the occupation of Afrîn, which is in violation of international law. At this point in time, the simplistic action series is a profound violation and gross disregard for the dignity of the Kurdish civilian population.

As the Kurdish community of Germany, we kindly ask you not to broadcast „Börü“ any further. We are looking forward hearing from you. Yours sincerely,

Mehmet Tanriverdi
Vice Chairman of the Kurdish community Germany