Delegationsreise nach Süd-Kurdistan

Ende April reiste die Kurdische Gemeinde Deutschland mit einer Delegation nach Süd-Kurdistan. Der KGD-Delegation gehörten neben dem Vorsitzenden Ali Ertan Toprak, der stellv. Vorsitzende Mehmet Tanriverdi sowie die Vorstandsmitglieder Leylan Hekarî und Adem Saracoglu an.

Hier berichtet Ali Ertan Toprak von der Reise:

Auf dem Programm unserer einwöchigen Reise standen zunächst in Hewler (arabisch: Erbil) zahlreiche Gespräche und Begegnungen mit hochrangigen Vertretern des Parlaments der Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak.

Bei unserem Parlamentsbesuch wurden wir von der Parlamentspräsidentin und Abgeordneten der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) Vala Farid empfangen, mit der 2019 erstmals eine Frau zur Vorsitzenden des Parlaments gewählt wurde. Beim Empfang war auch die stellvertretende Parlamentspräsidentin Muna Kahveci anwesend. Sie gehört der Minderheit der Turkmenen an.

Ali Ertan Toprak und Vala Farid (Parlamentspräsidentin)

Innerhalb eines Mehrparteiensystems Süd-Kurdistans konkurrieren politische Parteien untereinander um die Besetzung der politischen Entscheidungspositionen; sie tragen zur politischen Willensbildung bei und bilden insofern eine wichtige Säule der politischen Verfasstheit eines demokratischen Staates.

Für die Verfestigung der jungen Demokratie in Kurdistan ist die Vielfalt der Parteien im Parlament unerlässlich. Daher hat die Delegation der KGD Wert darauf gelegt, unterschiedliche Fraktionen (PDK, PUK und Goran) zu besuchen, um ein Gesamtbild über die aktuelle politische Lage zu bekommen.

Die KGD-Delegation hat es sich natürlich nicht nehmen lassen im Barzan-Gebiet das Grabmal Mustafa Barzanis zu besuchen. Das Grabmal, zwischen Bergen landschaftlich wunderschön eingebettet, ist architektonisch einerseits Ausdruck von der Bescheidenheit eines Volkshelden, der gesagt haben soll, dass sein Grab nicht höher sein darf als das eines gewöhnlichen Peshmerga. Zum anderen manifestiert sich in dem Grabmal die Ehrerbietung vor Kurdistan und seinen Völkern. So stehen die drei weiteren Gebäude der Anlage symbolisch für die jeweils unterschiedlichen Völker Kurdistans: für die Christen, die Juden und das kurdische Volk.

Die Delegation war von der Schönheit des Barzan-Gebiets mit seinen Bergen und seiner blühenden Vegetation in den schönsten Farben regelrecht verzaubert.

Ein Höhepunkt der Reise war sicherlich der Besuch der alten Zitadelle hoch über der Altstadt von Hewler, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Laut UNESCO ist die Zitadelle der älteste durchgängig bewohnte Ort der Welt. Die frühesten Spuren einer Besiedlung reichen bis ins 5. Jahrtausend vor Christus, möglicherweise noch früher.

Beim Besuch Hewlers hatte die KGD-Delegation die Ehre, den großen türkischen Soziologen Ismail Besikci zu treffen. Ismail Besikci saß fast 30 Jahre seines Lebens in türkischen Gefängnissen, weil er über die Geschichte und Kultur der Kurden geforscht und sich für ihre politische Anerkennung eingesetzt hat. Ismail Besikci ist auch der erste Preisträger des von der Kurdischen Gemeinde Deutschlands alle drei Jahre vergebenen Friedenspreises. Beim Empfang der „Ismail Besikci Stiftung“ in Hewler hatte die Delegation die Möglichkeit, mit vielen kurdischen Intellektuellen, Künstlern und Politikern aus unterschiedlichen Teilen Kurdistans intensive Gespräche zu führen. Darunter auch mit dem Stellv. Minister für Kultur und Jugend der Autonomen Region Kurdistan.

Nach drei Tagen machte sich die Delegation auf den Weg in den Norden des Landes, um mit dem Präsidenten Dr. Mosleh Duhoky der Universität Dohuk über den Stand der Partnerschaftsprojekte mit deutschen Universitäten zu diskutieren. Auch der ehemalige Gouverneur von Duhok und Wissenschaftsminister a.D. der Autonomen Region Kurdistan Abdulaziz Tayib hatte sich Zeit genommen, um die KGD-Delegation zu treffen. Derzeit bestehen bereits Kooperationen zwischen der Universität Dohuk und den Universitäten Dortmund, Gießen und Tübingen. Wir als Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD) setzen uns dafür ein, noch mehr Abkommen mit deutschen Universitäten zu schließen.

An der Universität Dohuk besuchte die KGD-Delegation natürlich auch den Traumatherapeuten Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan und sein Team. Auch unser Beiratsmitglied Stefan Struck aus Karlsruhe, der sich auch zu der Zeit in der Region aufhielt, begleitete mit seiner Frau die KGD-Delegation.

Prof. Kizilhan, der auch in Deutschland lehrt, hat in Dohuk unter der Federführung des Wissenschaftsministeriums Baden-Württemberg ein Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie gegründet. Hier bildet er mit hochrangigen internationalen Experten Psychotherapeuten aus, um etwa Flüchtlinge mit schwereren Traumatisierungen vor Ort und von eigenen Fachkräften behandeln zu können. Das Institut an der Universität Dohuk ist in dieser Form einmalig im ganzen Nahen Osten und lehrt nach deutschen Standards. Die KGD-Delegation war sehr beeindruckt und stolz auf die Arbeit von ihrem Beiratsmitglied Prof. Kizilhan. Gleichzeitig ist die KGD dem Land Baden-Württemberg und allen beteiligten Personen unendlich dankbar für die großartige finanzielle Unterstützung des Projektes.

Es war für die Delegation eine große Freude, bei dieser Gelegenheit auch Prof. Dr. med. Thomas G. Schulze, den Direktor des Instituts für Psychiatrische Phänomik und Genomik, LMU München kennenzulernen.

Am zweiten Tag in Dohuk standen historisch-kulturelle Ausflüge auf dem Programm. Zunächst ging es in Stadt Alqosch, deren Geschichte bis ins alte Assyrische Reich zurückreicht. Etwa 3 km westlich der Stadt befindet sich die Ruine von Shayro Meliktha. Die Felswohnungen von Alqosh erstrecken sich entlang der Berghänge. Sie sind ähnlich dekoriert wie die der anderen Kolonien der Stadt Ninive.

Die Delegation konnte vom Sant Hormizd-Kloster einen wunderschönen Blick auf die Ninive-Ebene, die Heimat der assyrischen Christen, genießen. Die meisten der Einwohner hier sind syrisch- aramäisch sprechende Christen (Suryoye, auch Assyrer/Aramäer/Chaldäer genannt) und gehören unterschiedlichen christlichen Konfessionen an. Die Region der Ninive-Ebene gilt als Heimat der syrischen Christen. Neben den syrischen Christen leben auch Kurden, vor allem Angehörige der ezidischen Glaubensgemeinschaft und Schabak in der Ebene.

Von dort ging es zu einem weiteren Höhepunkt der Reise nach Lalesh, dem zentralen Heiligtum der kurdischen Eziden in Kurdistan. Den Eziden gilt Lalesh als der heiligste Ort und Zentrum der Schöpfung. Es war für die KGD-Delegation eine große Ehre und Freude, endlich diesen besonderen Ort besuchen zu dürfen. Die KGD wünscht der ezidischen Religionsgemeinschaft endlich eine Zukunft in Frieden und Freiheit und wird der Gemeinschaft immer ihre Solidarität erweisen.

Am dritten Tag in Dohuk wurde die Delegation vom Präsidenten des Regionalparlaments Dohuk empfangen. Die KGD-Delegation hatte die Gelegenheit, mit Mitgliedern unterschiedlicher Fraktionen Gespräche zu führen. Anschließend bekamen wir eine Führung mit der stellv. Parlamentspräsidentin, die eine ezidische Kurdin ist, durch das Regionalparlament.

Nach einer Stadtrundfahrt mit dem Besuch des Staudamms von Dohuk ging es wieder zurück nach Hewler.

Am letzten Tag wurde die KGD-Delegation in Erbil vom kurdischen TV-Sender Rudaw empfangen. Der stellv. KGD-Vorsitzende Mehmet Tanriverdi war bei dieser Gelegenheit zu Gast in den Hauptnachrichten und wurde im Studio über die aktuellen Debatten rund um die Flüchtlinge in Deutschland live Interviewt. Anschließend wurde die Delegation vom Generaldirektor des Senders Ako Mohammed empfangen, wo sie die Gelegenheit zu einem Austausch über wichtige politische Themen über Kurdistan und Europa nutzten.

Dem Termin bei Rudaw schloss sich ein Arbeitsessen mit der Wirtschafts- und Handelskammer der Stadt Diyarbakir/Amed an, die mit einer Delegation von kurdischen Unternehmern für eine Baumesse nach Hewler gereist war. Am letzten Abend hatten wir so Gelegenheit, uns in Gesprächen auch ein aktuelles Bild über die politische und wirtschaftliche Lage der Kurden in der Türkei zu machen.

Sieben Tage Süd-Kurdistan – das war eine Woche geballter Eindrücke. Es macht uns Hoffnung, dass die Autonome Region Kurdistan die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen hinter sich gelassen zu haben scheint. Eine Aufbruchstimmung ist deutlich zu spüren. Doch der Westen muss Kurdistan weiterhin in allen Bereichen unterstützen, wenn diese Oase der Freiheit eine Zukunft haben soll …

Wir, die Kurdische Gemeinde Deutschland werden in jedem Fall alles unternehmen, um die junge Demokratie in Süd-Kurdistan weiterhin zu unterstützen.

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender KGD, Mai 2019