Die Kurdische Gemeinde antwortet Düsseldorfer Wutbürgern

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Sehr geehrte wütende DüsseldorferInnen,

vielen Dank für die kritischen Zeilen, die uns erreicht haben.
Ich bedaure sehr, dass sie Grund hatten, sich über Kurdinnen und Kurden zu ärgern.

Auch wenn unsere Organisation, die Kurdische Gemeinde Deutschland, nicht für die Demonstration in Düsseldorf verantwortlich ist, möchte ich ihnen dennoch gerne antworten, da sie Ihre Beschwerden an uns gerichtet haben.

Seien sie bitte gewiss, dass die Kurdinnen und Kurden weder die beklagte noch andere Demonstrationen unternehmen, um die Menschen in dieser Gesellschaft zu verärgern. Ich darf es ohne Zuspitzung als eine Verzweiflung eines Volkes ausdrücken, die die Menschen auf die Straße treibt.

Auch die demonstrierenden Menschen haben sich ihre Weihnachtstage anders; beschaulicher vorgestellt als sie am Ende geworden sind.

Während wir –auch als Kurdinnen und Kurden- uns hier auf ein frohes Fest gefreut haben, erreichten uns tagtäglich immer schlimmere Nachrichten aus der Türkei. Wieder einmal verübte die türkische Regierung blutige Rache an der kurdischen Bevölkerung. Legte unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung eine Schlinge des Todes um kurdische Städte. Seit Wochen wird die Bevölkerung in den kurdischen Gebieten kollektiv drangsaliert. HUnderte von Toten sind bis jetzt zu beklagen. Darunter auch zahlreiche Kinder, zum Teil nur wenige Tage alte Säuglinge.

Wir hätten uns gefreut, wenn die Medien in Deutschland über das Blutbad in den kurdischen Städten berichtet hätten. Wir hätten uns gefreut, wenn die Politik in diesem Land nicht durch die Flüchtlingszahlen vor dem türkischen Staatspräsidenten in die Knie gegangen wäre und ihm in der Hoffnung auf weniger Flüchtlinge einen „Persil- Schein“ ausgestellt hätte. Vor den Augen Europas werden wir Zeugen einer als historisch zu bezeichnenden Verfolgung und barbarischen Unterdrückung der Minderheiten in der Türkei. Sie vertun sich daher, wenn Sie behaupten, dass Deutschland mit dem „Kurdenproblem“ nichts zu tun habe. Je mehr die deutsche Politik die autokrate Regierung in Ankara unterstützt, desto größer wird die Unterdrückung der Minderheiten in der Türkei. Beendet Berlin den „Kuschelkurs“ mit Ankara und fordert mit Nachdruck die Einhaltung der Menchenrechte dann verbessert sich auch die Lage der Menschen.

Hätten sie gewusst, dass Ihre Glaubensbrüder und –schwestern, die Christen in der Türkei, die mehrheitlich in den kurdischen Städten leben, ihr Weihnachtsfest unter einem Bombenhagel feiern? Finden sie das vielleicht den Christen in Nahen Osten gegenüber respektvoll, können sie unter diesen Umständen und mit dem Wissen über die Lage der Christen im Nahen Osten eigentlich noch ruhigen Gewissens Weihnachten besinnlich feiern?

Wenn sie so großen Wert auf christliche Traditionen legen -und das würde mich wirklich aufrichtig freuen- dann würde ich mir wünschen, das sie sich für das freie christliche Leben im Nahen Osten einsetzen, damit sie nicht von den islamistischen Fanatikern weiter bedrängt werden. Dann werden sie auch sicherlich bald erkennen, dass die Kurden die einzige Schutzmacht christlichen Lebens in Nahen Osten sind. Das kurdische Volk kämpft nicht nur gegen den IS- Terroristen sondern zugleich für die Freiheitsrechte und den Pluralismus den wir in Europa so sehr schätzen.

Seien sie versichert, dass wir gerne auf Demonstrationen verzichten und viel lieber Feste feiern würden, wenn wir nur stabile demokratische Verhältnisse, Menschenrechte, Gleichberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht erhielten. Nur dann könnte das kurdische Volk und die christliche Minderheit in Kurdistan die nächsten Weihnachtsfeste gemeinsam in Frieden und Freiheit feiern. Wusten sie, dass wir uns große Sorgen um die Existenz der religiösen Minderheiten im Nahen Osten machen? Daher ist der Kampf der Kurden auch ein Kampf für die religiöse Vielfalt im Nahen Osten. In den letzten Jahren haben wir mit großer Selbstverständlichkeit der vor der terroristischen IS fliehenden christlichen Minderheit in Syrien und dem Irak Schutz und Sicherheit geboten. Finden sie es richtig, dass dieses Volk, dass selbst verfolgt wird und unter widrigsten Bedingungen andere Verfolgte aufgenommen hat und sich mutig gegen den IS- Terror wehrt, nun selbst derart unterdrückt wird?

Diese Demonstration war ein Hilferuf auch an sie, sich bitte nicht nur mit den Kurden kritisch zu beschäftigen, sondern auch gerne Ihren Bundestags- und Europaabgeordneten zu kontaktieren und kritisch nach seiner/ ihrer Haltung zur Minderheitenpolitik der Türkei zu befragen. Die Medien in die Pflicht nehmen und auffordern, ehrlich mit diesem Thema umzugehen und die Öffentlichkeit zu informieren. Schreiben sie doch bitte auch an das türkische Generalkonsulat in Düsseldorf. Wenden sie sich als aufrechter Demokrat und Europäer an den Beitrittskandidaten Türkei und fordern die Einhaltung der europäischen Werte. Genau die Werte, für die die Menschen in Kurdistan gerade mit ihrem Leben bezahlen.

Je mehr Menschen sich für bessere Lebensbedingungen in den kurdischen Gebieten einsetzen, desto größer ist die Chance, dass sich etwas bewegt und die Menschen endlich auch eine Bleibeperspektive in ihrer Heimat sehen.

Ihre Kritik ist ebenso nachvollziehbar, wie auch die Beweggründe der Kurdinnen und Kurden, die am zweiten Weihnachtstag demonstriert haben. Seien sie gewiss, dass wir, Europäer und Kurden, mehr gemeinsam haben, als man es zunächst annehmen dürfte.

Ich lade sie herzlich dazu ein, unsere Aktivitäten zu verfolgen und weiterhin Anregungen zu geben.

Ihnen wünsche ich ein frohes neues Jahr

Mit freundlichen Grüßen

Cahit Basar
Generalsekretär