
Ali Ertan Toprak: Mein Aufruf zu einem Nationalkongress
Dass die kurdische Politik und ihre Entscheidungsträger die historische und politische Notwendigkeit eines Nationalkongresses noch immer nicht ausreichend begreifen, ist insbesondere in dieser kritischen Phase ein schwerwiegendes Versäumnis. Diese Haltung ist nicht nur unzureichend, sondern birgt zugleich das Risiko, eine historische Chance zu verspielen.
Nationalkongress: Keine Innenpolitik, sondern eine globale Botschaft
Ein Nationalkongress ist in erster Linie keine nach innen gerichtete Struktur. Er ist auch kein technisches Instrument des Krisenmanagements. Der Nationalkongress ist vor allem eine nach außen gerichtete politische Botschaft: eine klare und unmissverständliche Botschaft an die Weltöffentlichkeit, an internationale Akteure und an die Vereinten Nationen.
Diese Botschaft lautet: Die Kurden sind eine Nation, sie handeln gemeinsam und fordern ihre politischen Rechte ein.
Ohne einen solchen sichtbaren und kollektiven Willen zur Einheit bleibt die kurdische Politik zwangsläufig fragmentiert und wird auf internationaler Ebene leicht ignoriert. Stille Abstimmungen, geschlossene Treffen oder rein technische Kooperationen reichen nicht aus, um die Aufmerksamkeit der globalen Politik zu gewinnen.
Die Sprache der internationalen Politik: Sichtbarkeit und Legitimität
Internationale Politik befasst sich nicht mit verschlossenen und unklaren Akteuren, sondern mit eindeutig definierten politischen Subjekten. Genau das ermöglicht ein Nationalkongress:
kollektive Sichtbarkeit, politische Legitimität und eine gemeinsame, nach außen gerichtete Sprache.
Erst wenn klar ist, was die Kurden wollen, wer sie vertritt und ob sie geschlossen handeln, entsteht internationaler Druck und Interesse. Andernfalls bleibt die kurdische Frage weiterhin ein nachrangiges und aufschiebbares Thema auf der Agenda der Großmächte.
Zeitpunkt: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Der Zeitpunkt ist heute von entscheidender Bedeutung. Der Nahe Osten wird nach mehr als einem Jahrhundert neu geordnet. Grenzen, Machtverhältnisse und politische Ordnungen werden neu definiert. Genau an diesem Punkt stellt sich die entscheidende Frage:
Wann werden die Kurden ihr Recht auf einen eigenen Staat einfordern – wenn nicht jetzt, wann dann?
Erst nachdem dieser Neuordnungsprozess abgeschlossen ist?
Wenn die Kurden diesen historischen Wendepunkt nicht nutzen, wird sich das Fenster der Gelegenheit erneut schließen, und sie werden womöglich ein weiteres Jahrhundert auf eine neue politische Chance warten müssen. Die Geschichte zeigt deutlich: Wer Transformationsprozesse nicht nutzt, wird zum Objekt dieser Prozesse.
Die Realität der größten staatenlosen Nation
Heute gibt es in der arabischen Welt 22 souveräne Staaten. Vor diesem Hintergrund ist es politisch nicht realistisch, die Kurden – die größte staatenlose Nation der Region – weiterhin zum Abwarten, zum Schweigen oder zur bloßen technischen Koordination aufzurufen.
Rechte werden nicht durch Geduld gewährt.
Rechte werden durch Forderungen errungen.
Wer nichts fordert, erhält nichts.
Ein Krisenrat ist notwendig, aber nicht ausreichend
Ein Krisen- und Strategierat kann und sollte selbstverständlich parallel existieren. Als flexibles und operatives Instrument sind solche Strukturen wichtig. Doch keine dieser Strukturen kann einen Nationalkongress ersetzen.
Koordination ohne politische Subjektwerdung bleibt technokratisch und unsichtbar. Die Geschichte zeigt klar: Rechte werden nicht geschenkt, sie werden erkämpft.
Einheit ist in Krisenzeiten zwingend notwendig
Gerade in Krisenzeiten ist Einheit keine Schwäche, sondern eine Notwendigkeit. Bedrohte Nationen können in Momenten, in denen alte Ordnungen ins Wanken geraten, mitunter unerwartete politische Chancen ergreifen. Diese Chancen entstehen jedoch nicht durch Zurückhaltung, sondern durch kollektives Auftreten, klare Forderungen und einen offenen politischen Willen.
Fazit: Eine verspätete politische Selbstdefinition
Ein Nationalkongress ist daher kein nostalgisches Ritual. Im Gegenteil: Er ist ein überfälliger Schritt politischer Selbstdefinition. Die Welt muss begreifen, dass die Kurden kein Objekt fremder Entscheidungen mehr sind, sondern ein politisches Subjekt mit Rechten, einem eigenen Willen und dem Anspruch auf Selbstbestimmung.
Dieser Aufruf ist kein Wunsch – er ist eine historische Notwendigkeit.
Ali Ertan Toprak
Bundesvorsitzender
Kurdischen Gemeinde Deutschland