Offener Brief / Appell

An die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland
Frau Dr. Angela Merkel

Gießen/Berlin, 29.09.2017

Offener Brief / Appell

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

zutiefst besorgt ist die Kurdische Gemeinde Deutschland über die zunehmend aggressive Haltung der Regierungen des Irak, des Iran und der Türkei gegen das kurdische Volk. Anfang der Woche haben die Menschen in der autonomen Region Kurdistan im Irak von ihrem Recht über ihre Selbstbestimmung zu entscheiden Gebrauch gemacht. Knapp 93% der Bevölkerung, darunter neben Kurden auch ethnische und religiöse Minderheiten wie Turkmenen, Araber, Armenier, Assyrer, Christen, Jesiden, Kakai haben beim Referendum für eine Unabhängigkeit der Region im Norden des Irak gestimmt. 
Nun aber sollen die internationalen Flughäfen in Kurdistan ab dem heutigen Tag gesperrt werden, dazu werden Fluggesellschaften vom Irak aufgefordert, die Region nicht mehr anzufliegen. In diesem Zusammenhang ist die Entscheidung der deutschen Lufthansa, dieser Forderung nicht nachzukommen und die Flüge nach Kurdistan fortzusetzen sehr zu begrüßen.

Die 1,2 Millionen Deutsch-Kurden in der Bundesrepublik sehen in der Entscheidung der Lufthansa eine Signalwirkung der auch die Bundesregierung folgen sollte. Die Nachbarstaaten der kurdischen Region haben sich darauf geeinigt, Kurdistan mit einer Blockade zu belegen, um die Region zu isolieren und drohen militärisch einzugreifen. 
Dies erinnert an die Berlin-Blockade im Nachkriegsdeutschland, die nur durch die Solidarität der freien Welt gegen die aufgezwungene Unfreiheit und Unterwerfung überstanden werden konnte.

Die Antwort der Bundesregierung aus der historischen Erfahrung heraus kann daher nur sein, alles daran zu setzen diese Blockade zu verhindern. 
Die deutsche diplomatische Vertretung und andere Institutionen in Kurdistan spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie müssen aufrecht erhalten bleiben, um über Kriegsverbrechen und Auswirkungen der Blockade die freie Welt informieren zu können.

Immer wieder haben Sie, Frau Bundeskanzlerin, den Erfolg der Peschmerga im Kampf gegen den IS hervorgehoben und die militärische Unterstützung für Kurdistan rechtfertigt. Für diese Unterstützung sind die Kurden dankbar. Die Kurden haben einen hohen Blutzoll bei der Verteidigung ihrer Heimat gezahlt und dabei unsere gemeinsamen Werte verteidigt. Zugleich bieten sie nach wie vor Schutz für religiöse Minderheiten oder Verfolgte.

Über ein Jahrhundert lang wurde die kurdische Minderheit in den neu gegründeten Kunststaaten verfolgt. Das muss ein Ende finden. Das kurdische Volk sowie die vielen Minderheiten sind nach langer Verfolgung, Vertreibung und Demütigung nicht mehr Willens und auch nicht mehr dafür verantwortlich die defacto nicht mehr existierenden Irak und Syrien aufrechtzuerhalten. 
Die Kurden haben nach dem Sturz Saddam Husseins dem Irak eine Chance gegeben. Sie haben auf einen funktionierenden Föderalismus, auf Demokratie und auf Gleichberechtigung gehofft. Doch sie und viele andere Menschen wurden enttäuscht. 

Die Bundesrepublik Deutschland und der Westen dürfen daher die Kurden nicht im Stich lassen und gemeinsam mit Israel, als einzigen Unterstützer im Nahen Osten, für die Unabhängigkeit Kurdistans an dem friedlichen Freiheitsprozess mitwirken.

Daher bitten wir Sie in diesem Prozess eine Fürsprecher-Rolle für die Kurden in Europa zu übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Ali Ertan Toprak
Bundesvorsitzender 
Kurdische Gemeinde Deutschland