„Plötzlich Putsch“

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„Plötzlich Putsch“

Ein persönlicher Bericht über die Putschnacht in der Türkei

von Baris Duran-Yildirim*

Als mich die Nachricht erreichte, war ich in einem Park und trank gerade einen Tee. Mein Cousin schien sichtlich besorgt über die Nachrichten, die er eben über Twitter gelesen hat. Vielleicht war es eine Leichtsinnigkeit von mir, so zu denken, da ich aus einem Land mit einer funktionierenden Demokratie stamme, aber diese Nachricht verunsicherte weder mich noch meine Eltern. Erst als meine Cousine uns darauf aufmerksam machte, dass der Park fast leer geworden war, machten wir uns auf dem Heimweg.

Zuhause angekommen, setzten sich alle an den Fernseher mit den Handys in der Hand. Meine in der Türkei lebenden Verwandten wirkten beängstigt und aus ihrem Aussagen konnte man heraushören,
dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie das nun gut oder schlecht fanden. Bis zu dem Zeitpunkt als die Nachricht des Militärs im Regierungssender verlesen wurden. Eine westlich wirkende Frau nahm mit ihrem Aussagen nun auch mir die deutsche Gelassenheit.

Das Bild verschwand und der Bildschirm blieb schwarz. Die Angst der Menschen um mich herum war nun deutlich zu spüren, keiner sprach nun ein Wort, alle standen plötzlich auf und wollten schnell nach Hause. Die privaten Sender, von welchen man Unabhängigkeit erwarten könnte, berichteten live von einem Putschversuch. Man folgte den Bomben und Panzern. Liveschaltung zum Flughafen, nach Ankara und wieder zurück nach Istanbul. Irgendwelche Politiker berichten über die Ereignisse. Alle haben sie eins gemeinsam, sie reden „nur“ von einem versuchten Putsch.

Es dauert nicht lange, bis sich Erdogan über FaceTime meldete. Sein Aufruf die Menschen sollen sich gegen den Putsch wehren, lies die zweite Hälfte diese Nacht einläuten. Über die Lautsprecher der Stadt wurden die Menschen aufgefordert sich auf die Straßen zu begeben. Eine schlechte Männerstimme ertönte in 15 minütigen Abständen und forderte die Menschen auf, sich für das Land auf die Straßen zu begeben. Bei jedem Ertönen dieser Stimme rannten wir auf den Balkon und trafen die verunsicherten Blicke der Nachbarn. Begleitet wurde diese Atmosphäre von den schrecklichen Bildern im Fernseher, die kein Grauen, kein noch so blutiges Bild ausließen zu schienen.

Auch die Moschee-Lautsprecher folgten nun mit Aufrufen und „Selah“. Ich lies mir später erklären, dass es untypisch um diese Uhrzeit und dass es ein Aufruf zum Gebet für gestorbene Menschen sei. Der Aufruf eines Präsidenten und diese Moschee -Ausrufe wirkten auf mich sehr sarkastisch, als ob man schon vorsorgen würde bezüglich der Leben, die die Menschen in dieser Nacht lassen würden. Die wie ausgestorben wirkenden Straßen belebten sich, überwiegend junge Menschen strömten in die Innenstadt. Die türkischen Nachbarn meiner Eltern ließen eine überdimensionale Fahne über den Balkon schwenken. Und mich lies die ganze Nacht eine Frage nicht in Ruhe, und das ist jetzt Demokratie?

Wissen die Menschen überhaupt für was sie da demonstrieren?
Seit wann sind Nationalisten und Fundamentalisten zu Demokraten geworden?
Zivilcourage über Lautsprecher der Moschee?

Ich hatte in dieser Nacht immer die Bilder aus dem Geschichtsunterricht über die Hilter-Propaganda im Kopf. Berechtigt oder nicht, war halt so. Zwei Tage danach scheint das Leben hier wieder normal, so normal wie das unter diesem Umständen sein kann. Jeden Abend versammeln sich die Menschen für eine Demokratie, die eigentlich keine ist. Und auffällig ist auch, dass hier keine demokratischen Menschen auf die Straßen gehen, denn diese scheinen alle die selbe Meinung zu haben, dass jetzt erst der Verlust der Überreste dieser „Demokratie“ beginnt. Die FaceTime Nachricht konnte meinen Verwandten nicht die Angst nehmen. Und für alle, die in sozialen Medien behaupten, dass türkische Volk sei eins und sei brüderlich auf den Straßen, eine Randnotiz von meinem kurdischen Verwandten und Gleichgesinnten, ist niemand auf der Straße.

Sie sitzen Zuhause und bedauern die Entwicklungen, die jetzt folgen. Und mir – tja mir bleibt eine begrenzte Zeit es zu beobachten und ein Kaffee jeden Morgen unter einer überdimensionalen Türkei-Flagge.

*) Baris Duran-Yildirim ist die stellv. Generalsekretärin der Kurdischen Gemeinde Deutschland