Interview mit Milena Aboyan: Zwischen Identität, Freiheit und Empathie – Eine Regisseurin, die Geschichten erzählt, die nachhallen

Interview geführt von Roka Sheddo

Mit ihren Filmen zählt Milena Aboyan zu den markantesten jungen Stimmen des deutschen Kinos. Die kurdisch-jesidische Regisseurin erzählt Geschichten über Menschen, die zwischen unterschiedlichen Welten, Erwartungen und Identitäten ihren eigenen Platz suchen. Dabei entstehen keine einfachen Antworten, sondern vielschichtige filmische Erzählungen, die das Publikum dazu einladen, genauer hinzusehen und zuzuhören.
Spätestens mit ihrem vielfach beachteten Spielfilm Elaha hat sich Aboyan als Filmemacherin etabliert, deren Werke weit über kulturelle Grenzen hinaus wirken. Bereits ihre früheren Arbeiten wie Wovon sollen wir träumen und Drei Kameradinnen zeichnen sich durch emotionale Tiefe, starke Figuren und einen sensiblen Blick auf universelle Fragen nach Zugehörigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung aus.
In diesem Gespräch spricht Milena Aboyan über ihren kreativen Prozess, den Einfluss ihrer eigenen Biografie auf ihr Filmschaffen, die Resonanz auf Elaha sowie über ihre Überzeugung, dass Kino nicht in erster Linie Antworten liefern, sondern Räume für Empathie, Begegnung und gesellschaftlichen Dialog eröffnen sollte. Darüber hinaus gibt sie einen Ausblick auf ihre aktuellen und zukünftigen Projekte.
Frage:
Von Wovon sollen wir träumen über Drei Kameradinnen bis hin zu Elaha ziehen sich Themen wie Identität, Zugehörigkeit und persönliche Freiheit durch Ihre Arbeiten. War das von Anfang an Ihre künstlerische Richtung oder hat sie sich im Laufe der Zeit entwickelt?
Antwort:
Ich glaube, mich haben nie Themen interessiert, sondern Menschen. Erst im Nachhinein erkennt man, dass sich bestimmte Fragen durch die eigenen Arbeiten ziehen. Mich interessieren Figuren, die zwischen verschiedenen Welten stehen und versuchen herauszufinden, wer sie eigentlich sind, unabhängig davon, was Familie, Gesellschaft oder Tradition von ihnen erwarten. Das sind Fragen, die mich persönlich beschäftigen, aber ich glaube auch, dass sie universell sind.
Frage:
Elaha hat ein breites Publikum bewegt und viele Diskussionen ausgelöst. Was hat Sie am meisten an den Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer überrascht?
Antwort:
Mich hat überrascht, wie unterschiedlich Menschen den Film gesehen haben und wie persönlich viele Reaktionen waren. Viele Zuschauende haben mir erzählt, dass sie sich in Elaha wiedergefunden haben, obwohl sie einen völlig anderen kulturellen Hintergrund haben. Das hat mich darin bestätigt, dass ein Film umso universeller wird, je spezifischer und ehrlicher er erzählt ist.
Frage:
Ihre Figuren wirken oft sehr vielschichtig und stehen vor inneren Konflikten. Was fasziniert Sie an solchen Charakteren?
Antwort:
Mich interessieren Menschen, die voller Widersprüche sind. Niemand ist nur gut oder nur schlecht, nur mutig oder nur ängstlich. Gerade diese inneren Gegensätze machen Figuren lebendig. Ich möchte, dass das Publikum sie nicht bewertet, sondern versteht. Oft ist Verständnis viel spannender als ein klares Urteil.
Frage:
Wie entsteht bei Ihnen ein Film – beginnt alles mit einer Figur, einer Geschichte oder einem bestimmten Gefühl, das Sie vermitteln möchten?
Antwort:
Fast immer beginnt es mit einer Figur. Ich muss das Gefühl haben, dass ich diese Person wirklich kennenlernen möchte. Erst dann entwickelt sich daraus eine Geschichte. Mich interessiert weniger die Handlung als die emotionale Reise einer Figur. Die äußeren Ereignisse entstehen meist aus ihren inneren Konflikten.
Frage:
Sie haben einen kurdisch-jesidischen Hintergrund und arbeiten in der deutschen Filmbranche. Inwiefern prägt diese Erfahrung Ihre Perspektive als Filmemacherin?
Antwort:
Sie prägt meinen Blick, aber sie definiert ihn nicht. Ich kenne das Gefühl, zwischen verschiedenen Kulturen aufzuwachsen und unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden zu wollen. Das hilft mir, Figuren mit Empathie zu betrachten, ohne sie auf ihre Herkunft zu reduzieren.
Frage:
Was haben Sie aus Ihren Filmen Wovon sollen wir träumen und Drei Kameradinnen mitgenommen, das Ihnen bei der Arbeit an Elaha geholfen hat?
Antwort:
Jeder Film war eine Schule. Ich habe gelernt, meinen Figuren immer mehr zu vertrauen und Konflikte nicht erklären zu wollen. Oft entsteht die stärkste Emotion gerade in den Momenten, in denen etwas unausgesprochen bleibt. Dieses Vertrauen in Stille und Zwischentöne hat mir sehr geholfen.
Frage:
Ihre Filme erzählen sehr persönliche Geschichten und sprechen gleichzeitig ein universelles Publikum an. Wie finden Sie diese Balance?
Antwort:
Ich suche diese Balance gar nicht bewusst. Wenn ich versuche, möglichst viele Menschen anzusprechen, wird eine Geschichte oft beliebig. Ich versuche stattdessen, so präzise und ehrlich wie möglich zu erzählen. Alles Universelle entsteht dann von selbst.
Frage:
Welche Rolle sollte das Kino Ihrer Meinung nach heute in gesellschaftlichen Debatten spielen?
Antwort:
Ich glaube nicht, dass Kino Antworten geben muss. Es sollte Fragen stellen und Räume öffnen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Ein Film kann Empathie schaffen und das ist oft nachhaltiger als jede eindeutige Botschaft.
Frage:
Welchen Rat würden Sie jungen Kurdinnen und Kurden in Deutschland geben, die eine Karriere im Film oder in der Kunst anstreben?
Antwort:
Nicht darauf zu warten, dass jemand einem die Erlaubnis gibt. Geschichten werden dann interessant, wenn sie ehrlich erzählt sind und aus einer eigenen Perspektive entstehen. Die Herkunft kann dabei eine Stärke sein, aber sie sollte niemals als Schublade verstanden werden. Erzählt die Geschichten, die euch wirklich bewegen, nicht die, von denen ihr glaubt, dass andere sie von euch erwarten.
Frage:
Woran arbeiten Sie derzeit, und worauf darf sich Ihr Publikum in Zukunft freuen?
Antwort:
Im Moment arbeite ich an mehreren Projekten für Kino und Fernsehen. Inhaltlich bewegen sie sich wieder zwischen Drama und Komödie und erzählen von Menschen, die ihren Platz in der Welt suchen. Mich reizt es gerade, noch stärker mit Humor zu arbeiten, ohne dabei die emotionale Tiefe zu verlieren.
Abschlussfrage:
Wenn Ihr Publikum nach dem Verlassen des Kinos nur einen Gedanken aus Ihren Filmen mitnehmen könnte – welcher sollte das sein?
Antwort:
Dass wir Menschen viel komplexer sind, als wir oft voneinander glauben. Hinter jeder Entscheidung, jedem Schweigen und jedem Widerspruch steckt eine Geschichte, die wir nicht kennen. Vielleicht würden wir einander mit etwas mehr Neugier und weniger Urteilen begegnen.